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Der Deutsche darf stolz sein

Wenn jemandem das Wort „Leitkultur“ missfällt, nennen wir sie einfach „Rahmenkultur“.

12.05.2017
Von Werner J. Patzelt

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Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt schreibt hier im Wechsel mit dem Schriftsteller Michael Bittner.

© Ronald Bonss

Zornig wird mancher, wenn er von „Leitkultur“ hört. Meist ist ihm unsympathisch, wer davon redet. Er mag die ganze Sache nicht – oder wenigstens nicht das, was er darunter versteht: Nationalismus, Volkstümelei, Spießertum. Ihm leuchtet nicht ein, dass es eine besondere Wertschätzung der Kultur derer brauche, die schon länger im Lande leben. Gar nicht versteht er, warum solche Kultur jene, die neu ins Land kommen, zu irgendetwas „anleiten“ solle. Und selbst wenn er die „chinesische Kultur“ für mehr als eine bloße Fiktion hielte, bisse er sich lieber in die Zunge, als von „deutscher Kultur“ zu sprechen.

Auch werden viele, die Frankreichs Lebenskunst preisen, zu sehr besorgten Bürgern, sobald sie Lob auf etwas hören, das in Deutschland selbstverständlich ist. Ausnahmen machen sie allenfalls beim hohen Lied auf die Mülltrennung, auf die Lehren aus unserer Geschichte, auf das Grundgesetz. Letzteres scheint vielen das einzige zu sein, was uns alle einen darf, gerade auch mit jenen, die neu bei uns leben.

Zwar ist das Ethos des ersten Grundgesetzartikels, der von der Menschenwürde handelt, ganz unübertrefflich. Auch finden sich bis zum Artikel 20, der „Verfassung in Kurzform“, viele Sätze, die wohl jeder unterschreiben kann. Doch von Mülltrennung steht im Grundgesetz ebenso wenig wie von fortbestehender Verantwortung für deutsche Staatsverbrechen. Dabei gehört beides klar zu jener Kultur, auf die – ganz zu Recht – viele Deutsche stolz sind. Sollten sich derlei nicht auch alle Zuwanderer zu eigen machen?

Das Dogma lautet aber: Mehr Verbindendes als das Grundgesetz darf es gar nicht geben, falls Freiheit und Vielfalt nicht schwinden sollen! Ob allerdings die umfangreichen Verfassungsregeln zur Abgrenzung von Bund/Länder-Kompetenzen unsere Einwanderungsgesellschaft wirklich zusammenhalten können? Letztlich ist das Grundgesetz nur die Spitze eines riesigen Eisbergs an kulturellen Selbstverständlichkeiten. Die dürfen also nicht wegschmelzen, wenn die Verfassung Gestaltungskraft behalten soll.

Wäre es dann nicht vernünftig, alle neu im Land Lebenden zu diesen Selbstverständlichkeiten hinzuleiten? Und wenn nur das Wort „Leitkultur“ missfällt, dann nennen wir doch einfach „Rahmenkultur“, was keinem leichtfertig hingenommenen Wandel ausgesetzt werden sollte.