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Montag, 12.02.2018 TV-Tipp

Der Callgirl-Film

In „Jung und schön“ hält der Regisseur Francois Ozon die Kamera auf das schöne Gesicht einer jungen Frau, die sich freiwillig prostituiert.

Von Sabine Glaubitz

Victor (Fantin Ravat) ist irritiert, wie sich seine ältere Schwester Isabelle (Marine Vacth) verändert. Sie schminkt sich auffälliger, bleibt lange aus.
Victor (Fantin Ravat) ist irritiert, wie sich seine ältere Schwester Isabelle (Marine Vacth) verändert. Sie schminkt sich auffälliger, bleibt lange aus.

© dpa

Mancher sprach angesichts dieser Handlung von einer modernen Fassung des Klassikers „Belle de Jour – Schöne des Tages“. Der inzwischen 50 Jahre alte Film von Luis Bunuel mit Catherine Deneuve als gelangweilter Ehefrau aus der Pariser Bourgeoisie, die freiwillig im Bordell arbeitet, brach damals einige Tabus. Vor inzwischen fünf Jahren donnerte der Regisseur Francois Ozon diese Idee dann in „Jung und schön“ noch mal auf. Wie wäre es mit einer Teenagerin, die sich freiwillig prostituiert?

Ozon zeichnet die Geschichte eines jungen Mädchens aus gutem Haus nach, das nachmittags in Pariser Hotelzimmern Männerfantasien befriedigt. Die Hauptrolle spielt Marine Vacth. Das französische Starmannequin war 2013 die große Entdeckung auf dem Festival in Cannes, wo das Erotik-Drama seine Premiere hatte.

Das Erstaunliche und für manchen vielleicht auch Schockierende an dem Film: Ozons Isabelle verkauft ihren Körper ohne erkennbaren Grund an ältere Männer. 300 Euro pro Treffen. Isabelle braucht das Geld nicht, denn sie bekommt alles, was sie will. So stapeln sich die 100-Euro-Scheine im Schrank, bis ihre heimlichen Treffen nach dem Tod eines Kunden auffliegen. Ihre Mutter ist entsetzt und verzweifelt. Die Frage, warum sie sich prostituiert, fällt ins Leere. Isabelle sperrt sich und schweigt.

Der Zuschauer darf also kein Sozialdrama, keine Abgründe, keinen Film über psychische Schäden erwarten. Denn Ozon bleibt eine Antwort auf das Verhalten der jungen Frau schuldig. Prostituiert sie sich, weil sie unter dem außerehelichen Verhältnis der Mutter leidet? Oder weil sie wissen will, wo ihre Grenzen liegen? Das bleibt offen und hat deshalb vielleicht umso mehr Wucht. Ozon geht in seinem Film auch nicht auf die düsteren Seiten von Prostitution ein. Er beschreibt distanziert die sexuellen Experimente der jungen Erwachsenen, deren Erfahrungen als Freizeitprostituierte sie recht unbeeindruckt lassen.

Manchen stört der voyeuristisch wirkende Blick der Kamera. Entsprechend hatte der Film im Kino 2013 in Deutschland lediglich etwa 50 000 Zuschauer. Verglichen mit Ozons Erfolgsfilm „8 Frauen“, der 2002 auf etwa anderthalb Millionen Kinozuschauer kam, hat er in Deutschland einen ziemlichen Bedeutungsverlust hinnehmen müssen.

Apropos „Belle de Jour“: Ozons Film „Das Schmuckstück“ mit Catherine Deneuve hatte im Jahr 2011 immerhin mehr als 400 000 Kinozuschauer. (dpa)

„Jung und schön“, 22.30 Uhr, ZDF

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