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Dienstag, 13.11.2012

Der Bundesvision-Polit-Contest

Stefan Raabs Antwort auf den Talkshow-Wahnsinn ist auch nur eine Talkshow – mit etwas mehr Wahnsinn.

Von Heinrich Löbbers

Wenn einer schon Fuchs heißt, wie der Herr von der CDU, was fragt man den als Erstes? Natürlich: „Herr Fuchs, wer hat die Gans gestohlen?“ Ha, ha, ha! Einfach mal so einen billigen Kalauer rauszuhauen, dafür ist sich Stefan Raab nie zu schade. Nicht mal in einer Sendung, die politischen Anspruch anmeldet. Aber so billig der Gag auch war, er hatte etwas Anarchistisches. Vorher hatte der freche Moderator schon den FDP-Mann Wolfgang Kubicki gefragt: „Muss Philipp Rösler weg, und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“ Vom Linken-Politiker Jan van Aken wollte er wissen, ob er auf Sahra Wagenknecht oder Katja Kipping steht.

Und als Zuschauer der ersten Ausgabe von „Absolute Mehrheit“ auf Pro Sieben dachte man ein paar Momente, das würde nun eine richtige Realsatire. Doch schon bald entpuppte sich Raabs Antwort auf den alltäglichen Talkshow-Wahnsinn nur als eine weitere Talkshow mit ein bisschen mehr Wahnsinn. Da saßen also gemeinsam mit einer Unternehmerin als Frau aus dem Volk je ein Vertreter von CDU, SPD, FDP und Linken, alle eher aus der zweiten Reihe. Sie diskutierten mit den gleichen Phrasen die gleichen Themen wie bei Plasberg, Illner oder Will: Steuern, Energie, Internet. Das war ebenso lähmend und unergiebig wie anderswo. Und in der Mitte hockte breitbeinig unterm Bundesadler ein ziemlich nervöser Raab, der sich nicht richtig entscheiden konnte, ob er Possen reißen oder auf seriös machen soll.

Wer aber befürchtet hatte, hier werde nun Politik zum Klamauk und Demokratie zum Dschungelcamp, war bald besänftigt. So schlimm war’s gar nicht. Wozu all die Aufregung im Vorfeld? Das Abendland steht noch.

Per Anruf für je 50 Cent konnten die Zuschauer abstimmen, welchen Gast sie am besten fanden. Das Ergebnis kam per Balkendiagramm, und so hatte das Ganze was von Bundesvision-Songcontest. Zuerst abgewählt wurde CDU-Schlipsträger Michael Fuchs, der schon rein optisch der typischste Politiker war. Sieger war schließlich FDP-Kubicki, der sich am lässigsten im Sessel geaalt, den Volkstribun gegeben und eifrig mit der Frau aus dem Volk geflirtet hatte. Aber weil auch der beim Zuschauervoting nicht über 50 Prozent kam, gab es auch keine 100000 Euro. Es blieb also offen, was ein Politiker mit so einer Siegprämie anstellt. Das Geld geht wie bei „Schlag den Raab“ in einen Jackpot für die nächste Sendung im Januar, dann locken 200000 Euro.

Ganz ohne Unterhaltungswert ist das Konzept nicht. Sogar einigermaßen informativ. Wer sich sonst gar nicht für Politik interessiert, was man Raabs Zielgruppe ja vorwirft, hat immerhin einen groben Überblick bekommen, worüber in der Politik derzeit mit welchen Argumenten diskutiert wird. Besser als nichts. Viel mehr leistet die öffentlich-rechtliche Talkshowsoße oft auch nicht. Für Raab aber wird das auf Dauer nicht reichen, um sich als Politbespaßer zu etablieren.

Mit 1,79 Millionen Zuschauern kann Pro7 vorerst zufrieden sein. In der Tat haben vor allem Jüngere zugeguckt. Bei den unter 30-Jährigen gar 25 Prozent, mehr als alle sechs ARD-Talks der vergangene Woche zusammen. Vielleicht haben sie sogar gemerkt, dass Politik etwas anderes ist als eine Wok-WM.