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Der Aberglaube von nebenan

Die eigene Weltanschauung halten viele für vernünftig, doch fremde Religionen für abstrus.

16.06.2017
Von Michael Bittner

laube von nebenan
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Mit der Barbarei ist es merkwürdig: Die Menschen entdecken sie immer nur in fremden Kulturen, nie in der eigenen. So hält auch jeder die eigene Weltanschauung für vernünftig und naturgemäß, die Religionen ferner Völker erscheinen hingegen als abstruser Aberglaube. Wir lachen und schimpfen über Chinesen, die ihre Potenz mit Nashornpulver steigern wollen, dabei stehen auch bei uns die absonderlichsten Formen der Quacksalberei gut im Saft.

Ich rede nicht nur von Menschen, die ihre Gesundheit Heilsteinen oder informiertem Wasser anvertrauen. Sogar von Krankenkassen bezahlt wird die Homöopathie, eine besonders beliebte Form des modernen Schamanismus, bei der Patienten Wässerchen und Pillen verabreicht bekommen, die keinerlei Wirkstoffe enthalten. Nun mag mancher sagen: Leute, die an derartigen Humbug glauben, fühlen sich nach der Zeremonie ihres Medizinmannes oft wirklich besser. Lassen wir die Leute doch bei ihrem Glauben, wenn’s ihnen nicht schadet! Dem könnte man zustimmen, wüsste man nicht, dass Menschen, die sich an harmlosen Unfug gewöhnen, manchmal auch anfangen, an gefährlichen Unfug zu glauben.

Wer sich ein wenig im Internet umschaut, der stellt fest, dass es von der Ufo-Forschung nicht weit bis zum Reichsbürgertum ist. Und wenn Kinder sterben müssen, weil ihre Eltern vor Ärzten fliehen, um stattdessen Krebs durch Handauflegen zu heilen, hört jeder Spaß auf. Wer Tagebücher und Briefe von Menschen vergangener Jahrhunderte liest, der ist erschüttert über die Selbstverständlichkeit, mit der in jenen Zeiten gestorben wurde. Noch im 18. Jahrhundert erlag beinahe jeder zweite Mensch schon im Kindesalter einer Krankheit. Erst die moderne, naturwissenschaftliche Medizin machte diesem Elend ein Ende. Besonders das Impfen rottete viele früher tödliche Krankheiten fast aus. Gerade dieser Erfolg verführt nun träge gewordene Wohlstandsbürger dazu, auf die moderne Medizin zu verzichten und Impfungen zu verweigern. Sie wollen, dass ihre Kinder „auf natürliche Weise“ Abwehrkräfte entwickeln. Das klingt schön, aber bedeutet nichts anderes als: Wir schicken die Kinder ungeschützt in den Kampf ums Dasein, die Starken kommen durch, die Schwachen bleiben auf der Strecke. Und wirklich sterben inzwischen wieder Kinder an den Masern. Dies finde ich barbarisch.

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