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Samstag, 30.04.2016

Dein Leben oder das der Flüchtlinge?

Das Neisse-Filmfest hatte so viele Einreichungen zum Thema Flucht wie nie – außer aus Polen und Tschechien.

Von Oliver Reinhard

© Symbolfoto: dpa

Vater und Tochter segeln im Mittelmeer. Da erfahren sie, dass in ihrer Nähe ein mit Flüchtlingen überladenes Boot sinkt. Sofort ändern sie den Kurs. Bis sie hören, dass vor ihnen über 100 Menschen um ihr Leben kämpfen. Für die Tochter ändert das nichts. Der Vater aber warnt: So viele können sie nicht retten. Eher droht ihnen, dass die in Not Geratenen voller Panik alle auf ihr Boot wollen, es zum Kentern bringen – und auch die Retter sterben. Zwischen Vater und Tochter entbrennt heftiger Streit.

So spitzt Florian Tscharfs „Mayday relay“ das Grunddilemma der Flüchtlingskrise zu. Sein 14-Minüter hat es in den Kurzfilmwettbewerb des Neisse-Filmfestes geschafft, das am 10. Mai zum 13. Mal startet. „Die Flüchtlingskrise ist in diesem Jahr für Regisseure aus vielen Ländern ein Thema“, sagt Programmleiterin Antje Schadow. Umso bemerkenswerter, dass es ausgerechnet die Filmemacher der beiden Partnerländer des Festivals gar nicht zu interessieren scheint: Aus Polen und Tschechien, die sich beide völlig abgeschottet haben und keinen einzigen Flüchtling aufnehmen, kommt auch kein einziger Film zur Krise. Grenzen zu – Problem ausgeblendet.

Die Pflegerin wird zum Pflegefall

Für wen und was interessieren sich polnische und tschechische Regisseure stattdessen? Das Spielfilmwettbewerbsprogramm des diesjährigen Festivals gibt zumindest Hinweise: „Klezmer“ erzählt vom komplexen Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden und Verrat und Hilfe im deutsch besetzten Polen des Jahres 1943. „Fremder Himmel“ von der tragischen Geschichte eines polnischen Mädchens in Schweden. „Nachbeben“ von einem schwer erziehbaren Jugendlichen.

Und die Tschechen? Da wird eine Pflegerin selbst zum Pflegefall, hat ein 40-jähriger Loser Ärger mit seinem Bruder, prostituiert sich eine junge Komponistin in der Schaffenskrise … kurz: Man erzählt offenbar lieber nur von sich selbst. Was ja nicht heißen muss, dass schlechte Filme dabei herauskommen müssen. Im Gegenteil ist das Neisse-Filmfest bekannt für seine qualitätvolle Kandidaten-Auswahl. „Auch unter den immer beliebter werdenden Dokumentationen, die erstmals einen eigenen Wettbewerb und eine eigene Jury bei uns haben, sind unglaublich gute Beiträge“, weiß Ola Staszel. „Zum Beispiel der Dok-Leipzig-Gewinner ,Land am Wasser‘ über die letzten drei Bewohner eines vom Tagebau bedrohten Dorfes in Sachsen-Anhalt.“ Auch die zweite Langzeitdoku namens „Parchim International“ über ein von Chinesen finanziert werden sollendes Großprojekt in der Provinz kommt bereits bekränzt mit etlichen Vorschusslorbeeren nach Zittau.

Auch sonst haben Staszel, Schadow und ihr Team mehr Grund zur Freude als zur Klage. Der Freistaat hat ihr Budget auf 100 000 Euro erhöht, was dem trinationalen Festival unter anderem endlich dreisprachige Programmhefte beschert hat. Zudem konnte der Zulauf zuletzt um zehn Prozent auf über 5 000 Zuschauer erhöht werden; eine achtbare Leistung im sich langsam leerenden Dreiländereck. Und für 2017 stellt Sachsens Kunstministerin einen eigenen Preis in Höhe von 5 000 Euro in Aussicht, was den Magnetismus des Festes weiter erhöhen dürfte. Somit hat es beste Chancen, auch weiterhin eine feste Größe in einer schwankenden Region zu bleiben. Nicht trotzdem. Sondern gerade deshalb.

Das Internationale Neisse-Filmfest läuft vom 10. bis zum 15. Mai an 15 Spielorten in Deutschland, Polen und Tschechien. Haupt-Ort ist Zittau.