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Dienstag, 28.11.2017

David Garrett spielt mit dem Kreuzchor

Für die einen wird der Auftritt des Geigers im Adventskonzert der Kruzianer ein Fest werden. Andere dürften darin den endgültigen Ausverkauf des Chores sehen.

Von Bernd Klempnow

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Geigenstar im stimmungsvollen Lichtermeer von Tausenden Feuerzeugen – David Garrett kennt und schätzt solche Momente bei seinen Auftritten. Solche dürfte er am 22. Dezember als Gast des Kruzianer-Konzerts im DDV-Stadion von Dynamo erleben.
Geigenstar im stimmungsvollen Lichtermeer von Tausenden Feuerzeugen – David Garrett kennt und schätzt solche Momente bei seinen Auftritten. Solche dürfte er am 22. Dezember als Gast des Kruzianer-Konzerts im DDV-Stadion von Dynamo erleben.

© dpa

Eine große Sache ist wahr geworden: David Garrett wird am 22. Dezember mit dem Kreuzchor in Dresden auftreten. Veranstalter in ganz Deutschland dürften neidisch sein, Klassikfreunde hektisch versuchen, noch Karten zu bekommen. Und der MDR, der das Adventskonzert des Chores an dem Tag aus dem DDV-Stadion von Dynamo überträgt, hat sicher eine außerordentliche Quote. Wenn Deutschlands bekanntester Geiger mit dem 800-jährigen Chor in der emotional aufgeladenen Adventszeit in der Weihnachtshauptstadt auftritt, sind landesweit Schlagzeilen garantiert.

SZ-Informationen nach wird Garrett wohl zwei Werke spielen: den romantischen „Earth Song“ von Michael Jackson und das besinnliche „Ave Maria“ von Franz Schubert. Mehr dazu will der Kreuzchor am heutigen Dienstag verkünden. Das Konzert in Dresden wird von Samuel Koch moderiert, der im Dezember 2010 in der Sendeung „Wetten, dass..?“ schwer verunglückte. Seither ist er vom Hals abwärts querschnittgelähmt. Seinen Bekanntheitsgrad nutzt Koch immer wieder, um sich für soziale Projekte starkzumachen. Der 30-Jährige gilt als gläubig.

Die Bühne steht im K-Block

Es ist zweifellos ein Coup des Kreuzchores, den 37-Jährigen zu gewinnen. Dabei findet das Adventskonzert erst zum dritten Mal statt. Zum Jubiläum des Chores war die Idee 2015 geboren worden. Die Resonanz der Dresdner und ihrer Gäste war groß. Kamen zur Premiere 12 000 Besucher ins Stadion, so waren es im vergangenen Jahr schon 20 000. In diesem Jahr ist diese Zahl bereits überschritten. Die Veranstalter wollen deshalb die Bühne in den K-Block hineinrücken, damit noch mehr Publikum das Konzert erleben kann. Denn der von der Stadt Dresden und ihren Bürgern finanzierte Kirchenchor will auch jene erreichen, die keinen Zugang oder Hemmungen haben, den Chor an seinem Heim- und Hauptauftrittsort, der Kreuzkirche, zu besuchen. Die Kruzianer laden ein, den weltlichen und kirchlichen Liedern der hohen Zeit zu lauschen sowie selbst zu singen. Im schön beleuchteten Stadion bei den alten Weisen einzustimmen, ist für viele Besucher der Höhepunkt vor dem und eine ideale Einstimmung auf das Fest.

Garrett beim Kreuzchor – die Ankündigung wird auch andere Reaktionen provozieren. Einige Dresdner Kirchenmänner, Ex-Kruzianer und selbst ernannte Klassikhüter werden die Nasen rümpfen. Schon andere Initiativen des Chores, nicht mehr nur für vergleichsweise wenige Christen und elitäre Musikfreunde da zu sein, sondern mehr und auch nicht gläubige Menschen erreichen zu wollen, waren kritisiert worden. Besonders das Stadionkonzert wurde als unwürdigen Rummel abgetan. Aber selbst ein umjubelter Auftritt bei den Osterfestspielen in Salzburg, eines der Klassikfeste in Europa überhaupt, schien diesen Beobachtern unangemessen. „So etwas hat der Kreuzchor früher doch auch nicht gebraucht“, war der Tenor.

Diese Kritiker dürften jetzt in dem Garrett-Deal den endgültigen Ausverkauf des Chores sehen. Denn kaum ein anderer Künstler spaltet die Klassikwelt so, wenn er virtuos zwischen Klassik und Cross-over wechselt, etwa von Bach zu AC/DC. Seit 2007 macht er derart Kasse. Für die einen ist der Künstler sogar ein Geigergott. Andere meinen, er würde sein Talent bei Pop- und Rockadaptionen vergeuden und erinnern wehmütig an dessen Wunderkind-Zeit. Tatsächlich musizierte er etwa 1998 mit der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper unter Chefdirigent Giuseppe Sinopoli bei Brahms a-Moll-Doppelkonzert. Jetzt spielt er auch in Konzertsälen und Kirchen – wie etwa 2016 zu den Musikfestspielen in der Frauenkirche mit Tschaikowski. Aber er tourt eben auch poppig und rockig durch Stadien und über Plätze. Diese Volksnähe ist manchem suspekt.

Auch wird kaum ein Künstler so über Äußerlichkeiten definiert wie Garrett. Der Deutsch-Amerikaner gilt mit seinem Dauerlächeln als Frauenschwarm, der sich mit seiner Stradivari auch schon mal niederkniet. Das lange Haar zum Zopf gebunden, mit offenem Hemd und schmachtendem Blick provoziert er Seufzen. Snobisten nennen ihn einen „David Hasselhoff der Klassik“ und seine Musik nur „Softpornopopklassikjunkfood“. Gerade hat Garrett wieder so ein Album, „Rock Revolution“, mit Adaptionen etwa „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin und „Born in the USA“ von Bruce Springsteen veröffentlicht.

Ein Geschenk aus und für Dresden

Man mag Garrett sehen, wie man will. Fakt ist: Er verkauft Millionen CDs, hat Hunderttausende Fans. Selten jedoch ist der zweifelsohne gute Geiger live zu erleben. Ist er nun gar Ehren- und Stargast bei diesem unvergleichlich stimmungsvollen Event im Stadion, dann dürfte dieser Abend für Fans die Krönung sein. Und der Kreuzchor, aber auch die Stadt können sich besonderer Aufmerksamkeit sicher sein. Ergo: Wieder mal positive Nachrichten aus Dresden.

Stadion-Konzert: 22. 12., ab 17 Uhr, DDV-Stadion DD, Karten gibt es u. a. im DDV-Stadion und in den SZ-Treffpunkten, Kartentel. 0351 48642002.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 10 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Berg

    Wer nur über Musik redet/schreibt, braucht die Schubladen, die Abgrenzungen, die Unterschiede. Wer Musik macht, kann auswählen zwischen Stilen und Instrumenten. Und wer Musik hört, bekommt die ganze Auswahl geboten und kann heute in die Oper, morgen ins Sinfoniekonzert und übermorgen zu R.Kaiser gehen. Musik ist für alle da. - Ein Kreuzchor ist unüberhörbar mit Kirchenmusik verbunden, doch es sind Kinder und Jugendliche, die später unterschiedliche eigene Wege gehen. Und D. Gerrett spielt in allen Genres, auch Weinachtslieder. Also nun lasst sie mal musizieren - sie können es immer noch ab der ersten Note gestalten - schön oder weniger schön, das ist Geschmackssache. Und Hingehen werden sowieso nur die Fans. Wers ablehnt, bleibt einfach zu Hause. :-)

  2. Mal eine Anmerkung

    Was für eine Aufregung ,seit doch froh das David Gerrett uns an diesem Abend auch noch mit seiner Geige "beglückt"! Und an @1 Berg ,Sie haben hier verkündet eine eigene Homepage zu haben und WIR sollten da mal drauf schauen.Ja wie findet man den "Berg" denn? Und danke für Ihre erhellende Worte an das "unwissende Volk",aus Sicht von Berg! Übrigens in der Weihnachtszeit spielt es doch keine Rolle ob die Lieder von einem Kirchenchor oder vom Chor der Feuerwehr gesungen wird. Freilich hat der Kreuzchor eine außergewöhnliche Qualität! Und der klügste Satz von Berg "Wers ablehnt bleibt einfach zu Hause"!Klingt wie "Ich esse keine Leberwurst deswegen kaufe ich keine"! Übrigens ich lehne das Konzert nicht ab und werde mit Frau und Freunden die festliche Stimmung,wie beireits 2016 genießen!

  3. BD

    Mein Gott, muss man denn über alles meckern? Die Einleitung des Artikels stimmt schon so negativ ein. Wenn ein Ausnahmegeiger wie David Garrett (nicht Gerrett, mehr Respekt bitte!) mit jungen Leuten musiziert, ist das doch toll. Die Jungs des Kreuzchores sind bestimmt stolz darauf. Wer es mag, geht hin. Wer nicht, bleibt weg. Und basta.

  4. Klassikkenner

    so, ich werde meine Karte weitergeben, das muss ich mir echt nicht antun! Und somit werden wahrscheinlich zwar "fans" zum Konzert kommen, aber keine Klassikliebhaber und schon erst recht keine Klassikkenner. Denn unter Letzteren hat Herr Garrett nun wirklich kein Stein im Brett. Da hilft es auch nicht, dass er ab und zu bei den Großen Orchestern auftaucht. Denn jeder Kenner aus dem Kunstbetrieb weiß, dass diese Orchester, genau wie "Der Chor" (wie schrecklich ist das denn!?) es nur tun weil sie auch ihre Säle füllen müssen und angeblich "neues" Publikum auftun müssen. Aber mit künstlerischer Qualität in der Klassikwelt hat das nichts zu tun. Und damit will ich nicht sagen, dass Herr Garrett keine Qualitäten hat, im Gegenteil! Kenne ihn seit seinen Kindertagen und er ist ein hart arbeitender Musiker. Aber eben ein ganz anderes Genre..... und damit vergrault der Kreuzchor viele, auch junge! wirkliche Anhänger und Freunde. Selbst meine Kinder wollen jetzt nicht mehr hin gehen :-(

  5. Barbara Scherer

    Woher hat Herr Garrett wohl das grosse Talent? Woher die Energie zum unermüdlichen Arbeiten mit seinem Instrument und die Lebensfreude mit der er seine Mitmenschen inspiriert? Und wen genau ehren wir an Weihnachten? Bravo Kreuzchor Dresden - ihr habt es erfasst!

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