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Montag, 04.04.2016

Das wäre doch gelacht

Aus der Schwere des Lebens etwas Leichtes machen, das treibt Axel Hacke an. Ein Gespräch über Humor in ernsten Zeiten.

Von Enya Wolf

Für Axel Hacke ist Humor vor allem eine Auseinandersetzung mit sich selbst: „Um humorvoll schreiben zu können, braucht man zunächst eine Haltung. Ein inneres Wertegerüst, eine Selbstreflexion.“
Für Axel Hacke ist Humor vor allem eine Auseinandersetzung mit sich selbst: „Um humorvoll schreiben zu können, braucht man zunächst eine Haltung. Ein inneres Wertegerüst, eine Selbstreflexion.“

© Thomas Dashuber

Eine Woche ohne „Das Beste aus aller Welt“? Unvorstellbar. Viele Leser schlagen das Magazin der Süddeutschen Zeitung stets von hinten auf. Dort steht jeden Freitag eine Kolumne von Axel Hacke. Ein Stück Beständigkeit in einer unbeständigen Welt. Eine Auswahl seiner besten Texte wurde zum Bestseller: „Das kolumnistische Manifest“. Seine Lesungen in Deutschland sind ausverkauft, auch jüngst in Dresden. Er versteht es, die kleinen Dinge groß zu machen und die großen klein. Wie geht das, wenn die Welt immer schrecklicher wird?

Herr Hacke, worüber haben Sie zuletzt so richtig gelacht?

Wahrscheinlich über irgendeinen Witz, den mir jemand erzählt hat. Den hab ich natürlich sofort wieder vergessen. Ich kann über Witze sehr lachen, aber zehn Sekunden später sind sie aus meinem Kopf verschwunden. Keinen einzigen Witz kann ich mir merken. Das ist mir irgendwie nicht wichtig.

In einer Ihrer Kolumnen sind Sie neulich zu dem Schluss gekommen, dass die spaßigen Zeiten wohl vorbei sind. Haben wir bald wirklich nichts mehr zu lachen?

Damit war gemeint, dass wir uns über Leute wie Donald Trump oder viele Gestalten, die bei der AfD rumlaufen, nicht mehr bloß lustig machen können. Dem ist nicht mehr nur mit so einer lässigen Ironie beizukommen. Wir müssen uns vielleicht auch mal darauf besinnen, dass es hier um sehr ernste Themen geht. Donald Trump ist für uns zwar eine lächerliche Figur, aber das ist dem ja vollkommen egal. Und seinen Anhängern offenbar auch.

Was bedeutet das für Sie als Humorist?

Ehrlich gesagt, ich sehe mich nicht als Humorist. Das klingt so nach Humorarbeiter. Jemand, der Humor technisch herzustellen versucht. Da muss man erst mal fragen: Was ist das für ein Begriff von Humor? Mein Humor hat sehr viel mit dem Ernst des Lebens zu tun. Man muss einem Humor anspüren, dass der Autor den Ernst des Lebens kennt. Und dass er das, was er schreibt, diesem Ernst gerade erst abgewonnen hat. Es geht darum, aus der Schwere des Lebens etwas Leichtes zu machen. Das ist für mich Humor.

Zurzeit erreichen uns fast täglich belastende Nachrichten. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Meine Kolumne erscheint jede Woche, immer freitags. In guten Zeiten beschäftigt man sich da mit fantasievollen Themen und Dingen, die mit dem Alltag zu tun haben, natürlich auch mit der Politik, aber auf eine leichte, amüsante Weise. Dabei kann man jetzt nicht bleiben. Ich fände es seltsam, immer eine witzige Kolumne zu schreiben, der man gar nicht anmerkt, dass um uns herum der Teufel los ist. Deswegen versuche ich, mich auf meine Weise auch mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Dabei kann es auch durchaus ernst werden, das macht mir überhaupt nichts aus.

Wie sieht so ein ernster Text aus?

Ich finde es zum Beispiel interessant, sich im Zusammenhang mit Pegida oder Donald Trump mit dem Begriff der Dummheit auseinanderzusetzen. Was ist das eigentlich? Unter Dummheit versteht man ja normalerweise, dass jemand wenig weiß. Aber der Kern der Dummheit ist etwas anderes: eine gewisse Rohheit des Verhaltens. Robert Musil, der eine große Rede über die Dummheit gehalten hat, zitierte darin einen Mann namens Johann Eduard Erdmann, einen Philosophen des 19. Jahrhunderts, der die Dummheit von ihrer Praxis her zu verstehen suchte. Und diese Praxis ist eben die Rohheit, die blanke unverhüllte Mitleidlosigkeit. Und zweitens geht es darum, dass jemand auch nichts wissen will. Wenn jemand nichts weiß, kann er oft nichts dafür. Haarig wird’s, wenn jemand etwas wissen könnte, es aber trotzdem nicht wissen will. Das ist eigentlich die Spitzenform von Dummheit.

In einer Kolumne haben Sie auch mal von der „Seelendummheit“ geschrieben, auf die man in Dresden und anderswo trifft …

Ja, damit meine ich genau diese Rohheit. Wenn jemand seine Seele so verhärtet hat, dass er gar nicht mehr in der Lage ist zu sehen: Das sind Menschen, die da aus Syrien oder sonst woher kommen. Man kann mit guten Gründen der Meinung sein, dass wir unsere Grenzen sichern müssen, dass das irgendwie anders ablaufen muss, dass es in dieser Form nicht weitergeht. Das sieht ja jeder, das ist ja keine Frage. Aber manch einer sieht gar nicht mehr, dass das Menschen in Not sind. Der redet einfach nur noch über sie, als würden sie uns was wegnehmen. Das meine ich mit Seelendummheit.

Hat diese Ablehnung auch etwas damit zu tun, dass man mit den eigenen Gefühlen nicht zurechtkommt?

Es hat vor allem was damit zu tun, wie man mit der eigenen Angst umgeht. Die Leute haben Angst vor etwas, von dem sie glauben: Das kann ich nicht beeinflussen, das bedroht mich. Die größte Angst vor Ausländern herrscht bekanntlich da, wo es keine gibt. In einer Stadt wie München, die einen hohen Ausländeranteil hat, geht es relativ entspannt zu. Man weiß, dass Ausländer nichts Bedrohliches sind. Wenn man aber noch nie einen Ausländer gesehen hat, ist das etwas Unbekanntes, und vor dem Unbekannten haben viele Menschen Angst, das ist sogar verständlich. Aber mit diesem Gefühl können einige offensichtlich nicht anders umgehen, als zu hassen. Hass ist letztlich nur eine weiterentwickelte, umgesetzte Form von Angst.

Inwiefern ist Hass mit Humor vereinbar, etwa in Form von Häme?

Für mich gar nicht. Humor ist im Grunde etwas sehr Menschenfreundliches, Hass dagegen etwas Herabsetzendes. Humor, der mit dem Finger auf andere zeigt, ist für mich kein guter Humor. Guter Humor macht sich nicht über andere lustig, sondern vielmehr über die eigene Person. Guter Humor ist immer eine Form der Selbstreflexion.

Brauchen wir Humor in der Politik?

Humor ist etwas, das jeder Mensch haben kann und haben sollte. Politiker und Wirtschaftsführer sind da keine Ausnahme. Vielen von ihnen würde es gut anstehen, wenn sie auch mal über sich selber lachen könnten. Deswegen mag ich auch das Wort „Humorist“ nicht. Das würde ja heißen: Das ist die Planstelle 5a, der ist für den Humor da. Und die anderen haben mit Humor nichts zu tun. Das kann’s nicht sein.

Haben Sie Verständnis für Menschen, denen scheinbar jeder Spaß, jede Gelassenheit abhandengekommen ist?

Verständnis kann man für jeden Menschen haben. Sicher sogar für einen Mörder. Man kann jede Handlung in gewissem Maße verstehen. Trotzdem bleibt sie eine Handlung, die sich irgendwie einordnen lassen muss in unser Zusammenleben. Wenn ich Menschen sehe, die man vielleicht als „Wutbürger“ bezeichnen würde, sehe ich eigentlich traurige Existenzen vor mir. Was ist mit Leuten los, die ihr Leben in einer solchen Wut verbringen? Die ihren Ärger so äußern müssen, sich so furchtbar verkrampfen. Man kann ja gegen einen Bahnhof in Stuttgart sein, aber muss man deshalb so sein? Man kann auch dafür sein, dass der Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland begrenzt wird. Aber so?

Zusammen mit dem Journalisten Giovanni di Lorenzo haben Sie ein Buch über Werte geschrieben. Ist Humor eine Frage der Haltung oder der Unterhaltung?

Es ist beides. Um humorvoll schreiben zu können, braucht man zunächst eine Haltung. Ein inneres Wertegerüst, eine Selbstreflexion. Man muss aus seiner Position auf die Welt schauen und das auch begründen können. Natürlich ist Humor auch Unterhaltung. Er kann ganz leicht sein. Ohne großen Anspruch, ohne die großen Probleme des Lebens ins Bild zu bringen. Die Sachen, die mir wichtig sind und mit denen ich zu tun haben möchte, sollen aber noch ein bisschen mehr haben.

Zum Beispiel?

Wenn ich in der Kolumne über meine Familie geschrieben habe, ging es nie bloß darum, sich über etwas lustig zu machen. Im Hintergrund ging es immer um Grundfragen: Wie wollen wir zusammenleben? Was ist uns wichtig? Wie gehen wir mit unserem Partner um? Man kann das als große Tragödie inszenieren oder als witzige Sache sehen. Das liegt ganz nah beieinander.

Was ist das Schwierigste am Kolumnenschreiben?

Für mich ist das in einem ganz praktischen Sinne Schwierigste, ein Thema zu finden. Das Schreiben geht dann oft sehr schnell. Viel mehr Zeit nimmt der permanente Prozess des Nachdenkens in Anspruch: Was passt diese Woche? Was passt in den Flow der Kolumne über das Jahr hinweg? Welchem Gefühl möchte ich Ausdruck verleihen? Diese Überlegungen finden ständig statt. Sieben Tage die Woche, von morgens bis abends.

Woher schöpfen Sie Ihre Kreativität?

Unter der Dusche! (Lacht) Also, man entwickelt mit der Zeit eine bestimmte Weltsicht, sucht sich seine Themen. Der eine macht das ganz alleine, ich habe ab und zu gerne einen Partner. Mit dem spiele ich dann mit den Gedanken Pingpong, weil so mein kleiner Apparat hier oben besser in Gang kommt.

Und was tun Sie, wenn Ihnen mal nicht nach Komik zumute ist?

Dann schreibe ich halt nicht komisch. Viele meiner Kolumnen sind es nicht. Wichtiger als das Komische ist das Gefühl, das dabei zum Ausdruck kommt. Man soll merken: Da ist einer, der will was. Der verlangt was von sich. Der verlangt auch was von anderen, und das will er jetzt zum Ausdruck bringen. Es kann auch ganz traurig sein. Ich habe ja auch Kolumnen nach dem Atomunglück in Fukushima oder den Terroranschlägen in Paris oder jetzt Brüssel geschrieben. Da können Sie keine heitere Kolumne über irgendeinen seltenen Fisch schreiben, der in einem Loch in der Wüste von Nevada lebt. Die Leute würden sich denken: In welcher Welt lebt der?

Allerdings.

Sie müssen sich also mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen. Zunächst müssen Sie sich überlegen: Was hat das mit mir zu tun? Welcher Empfindung möchte ich Ausdruck verleihen? Nach den Anschlägen in Paris zum Beispiel habe ich Gott in einer Kolumne auftreten lassen. Ich habe mit ihm ein Gespräch darüber geführt, wie er ein solches Leid geschehen lassen kann. Er ist ein trauriger Gott, der sagt: Ich habe einen Scheiß gebaut, dass ich so was in die Welt gebracht habe, dass ich das zugelassen habe. Ein melancholischer, gebrochener Gott.

Ist es Ihnen wichtig, den Lesern ein bestimmtes Gefühl zu vermitteln?

Offen gesagt denke ich beim Schreiben nur wenig an die Leser. Ich denke an mich selber. Das Schreiben ist eigentlich eine sehr egoistische Angelegenheit. Und gerade weil es so egoistisch ist, interessiert es viele Leute. Sie wollen wissen: Was geht denn in dem so vor? Ich habe nur die Erfahrung gemacht: Wenn ich mich langweile, langweilen sich auch die Leser. Und wenn ich lachen kann, dann können sie es meist auch.

Veranstaltungstipp: Am 23. November kommt Axel Hacke zur nächsten Lesung ins Dresdner Schauspielhaus.