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Mittwoch, 11.01.2017

Das Pegida-Sortiment ist komplett

„Volksverräter“ ist zum Unwort des Jahres gewählt worden. Damit hat auch Dresden wieder einmal mit„gewonnen“.

Von Oliver Reinhard

Wird von Pegida-Anhängern gerne benutzt: Das Unwort des Jahres 2016 heißt „Volksverräter“.
Wird von Pegida-Anhängern gerne benutzt: Das Unwort des Jahres 2016 heißt „Volksverräter“.

© dpa

Sie erklingen nicht nur in Dresden, aber dank Pegida & Co. besonders laut und regelmäßig in Dresden, die jeweiligen Unworte des Jahres. 2014 machte der Begriff „Lügenpresse“ das Rennen, im Folgejahr war es „Gutmensch“. Jetzt ist das Sortiment jener Beschimpfungen endlich komplett, mit denen radikale Sorgenbürger ihre Hauptfeinde (Medien, grundsätzliche Bejaher einer Willkommenskultur, Politiker) am liebsten titulieren: Am Dienstag wurde „Volksverräter“ zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert und war vor allem während der NS-Zeit besonders populär.

Heute werden mit „Volksverräter“ für gewöhnlich Amtsträger tituliert, die andere politische Ansichten haben und umzusetzen versuchen als die „Volksverräter“-Schreier. So wie es diverse Dresdner Problembürger auch am Einheitsfeiertag des 3. Oktober 2016 beim Besuch unter anderem von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck vor der Frauenkirche und vor zahllosen Fernsehkameras getan und den Ruf der Stadt damit wieder einmal gründlich ruiniert hatten.

Das Unwort „Volksverräter“ sei „als Vorwurf gegenüber Politikern und Politikerinnen in einer Weise undifferenziert und diffamierend, dass ein solcher Sprachgebrauch das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft abwürgt.“ So begründete es Sprachwissenschaftlerin Nina Janich, Sprecherin der Darmstädter Unwort-Jury.

Die Aktion gibt es seit 1991. Sie soll Bewusstsein und Sensibilität für Sprache fördern. Die Jury nimmt bei ihren Entscheidungen „sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch“ in den Blick, „um damit zu alltäglicher sprachkritischer Reflexion aufzufordern“.

Dass sie gleichwohl in ihrer Wahl nicht immer originell vorgeht, zeigt das Unwort 2016 in besonderem Maße. Eben weil der Begriff als einzige Verbalinjurie noch fehlte im Lieblingsschimpfwortsortiment der Sorgenbürger, wirkt die Kür von „Volksverräter“ nur wie die folgerichtige und daher völlig erwartbare Fortsetzung der Vorjahresentscheidungen. Mit anderen Worten: ein wenig langweilig und einfallslos.