Freitag, 16.11.2012

Das MDR-Experiment

Der Heimatsender bringt mehr englische Musik im Radioprogramm. Damit versucht er ein jüngeres Publikum zu erreichen, ohne das ältere zu vergraulen. Doch diese Taktik verwirrt die Stammhörer.

Von Thomas Christmann

Schluss mit eitel Sonnenschein: Das Schlagerduo Kathrin und Peter sorgt seit Kurzem mit seiner Ape „Giovanni“ bei Fahrten durchs Zittauer Gebirge für Aufsehen. Anders im Radio: Beim MDR sind die beiden kaum noch zu hören. Foto: PR
Schluss mit eitel Sonnenschein: Das Schlagerduo Kathrin und Peter sorgt seit Kurzem mit seiner Ape „Giovanni“ bei Fahrten durchs Zittauer Gebirge für Aufsehen. Anders im Radio: Beim MDR sind die beiden kaum noch zu hören. Foto: PR

Sie sind viel unterwegs. Ob als preisgekröntes Schlagerduo Kathrin und Peter auf den Bühnen, radelndes Moderatorenteam im MDR-Fernsehen, erfolgreiches Geschäftspaar des Quirle-Häusls in Waltersdorf bei Zittau oder einfach nur als offizielle Botschafter der Oberlausitz. „Wir sind vor Ort und an der Basis“, sagt Peter Kunze und meint damit seine Fans. Doch bei denen wächst der Ärger gegenüber ihrem Heimatsender, dem MDR 1 Radio Sachsen.

Nicht nur, dass der kaum noch Lieder ihrer „Quirle“ spielt, überhaupt sei es schlecht bestellt um die Musik im Programm. Englische Oldies hätten dort den Vorzug, berichtet Kunze. Deutsche Titel kämen zu wenig, echter deutscher Schlager laufe fast gar nicht mehr. Dabei liefern Kathrin und Peter stetig Nachschub von dieser Musik, eben von jener, die Menschen jenseits der 40 mögen würden, sagt der 50-Jährige. „Wir spüren das in jedem Konzert.“ Eine ausgewogene Musikauswahl stehe dem MDR gut zu Gesicht. Es gebe schon genug Sender, die englische Pop-Songs spielen, sagt Kunze. Er spricht von der Pflege deutscher Sprachkultur, die gerade zu einem Heimatsender gehören sollte.

Damit steht das Schlagerduo nicht allein da. Karin Witt hört den Sender seit seinem Start 1992. Sie lasse sich von ihm wecken und nehme ihn mit ins Bett, erzählt die 51-Jährige. „Ohne würde mir etwas fehlen, so geht die Arbeit leichter von der Hand“, erklärt die Putzfrau, die in Dresden den Fanclub des Schlagersängers Andy Borg leitet. Schon seit mehreren Wochen vermisst sie die Musik ihres Idols. Früher sei er mehrmals am Tag gelaufen, heute höchstens noch in der Hitparade, sagt Karin Witt.

Andere wie Andrea Berg, Helene Fischer und Vicky Leandros würden ständig kommen. Die hört sie zwar auch gerne, aber ihr fehlt die Abwechslung. Und damit meint die Dresdnerin nicht, dass nun mehr englische Titel gespielt werden. Das fiel ihr lange Zeit gar nicht auf, weil meistens ein deutsches Lied darauf folgte. Doch nun nervt es Karin Witt, zumal sie die Sprache nie gelernt hat. „Es ist immer noch ein schöner Sender, aber mit Schlagern hat der nichts mehr zu tun.“ Die Stammhörerin überlegt deshalb, eine Beschwerde an den MDR zu schreiben.

Einer, der den Sender mit aufbaute, ist Joachim Schlese. Der Chef des Dixieland-Festivals hatte beim MDR bis 2002 als Redaktionsleiter für Musik und Unterhaltung gearbeitet. Nach der Wende galt es, eine Mischung zwischen Liedern aus dem Westen und Osten zu finden, Schlager der DDR-Zeit zu bringen und sich nicht plötzlich zu amerikanisieren. Die Regelung: 70 Prozent deutsch, 30 international, später dann 60 zu 40. Englische Musik sei in Ordnung, solange deutsche überwiegt, sagt der 71-Jährige noch heute. „Man kann nicht alles wegschmeißen, was gut war.“

Der MDR experimentiert. Das ältere Publikum nicht zu vergraulen und das jüngere erreichen – das braucht Fingerspitzengefühl. Zwar ist der Radiosender sachsenweit immer noch der meist gehörte, aber er verliert Nutzer. Laut den jüngsten Zahlen der Media-Analyse schalten ihn nur noch 887.000 Hörer mindestens einmal am Tag ein. Vor einem Jahr waren es noch über eine Million. Der MDR musste also handeln. „Es war höchste Zeit“, sagt Bernhard Holfeld. Der 49-Jährige bezeichnet sich als ehrgeizigen Typen, ist seit 2002 Programmchef. Damals hatte der Sender ein ähnliches Quotenproblem, sogar kurz die Spitzenposition an Radio PSR abgegeben. Statt Volksmusik von Hansi Hinterseer und den Kastelruther Spatzen setzte der MDR im Tagesprogramm fortan auf Schlager und mehr Nähe zum Publikum. Die Marktforschung half dabei und der Erfolg kehrte zurück. Bis jetzt.

Doch ihre Zielgruppe, Frauen und Männer ab 45, ist jetzt zehn Jahre älter geworden. Jüngere rückten kaum nach, am Programm hatte sich nicht mehr viel getan. „Wir müssen uns breiter aufstellen, wenn wir die Mehrheit der Hörer erreichen wollen“, erklärt Holfeld. Mit Schlagern laufe das nicht mehr, auch wenn das Genre immer noch seine Fans habe. Doch die spiegeln nicht die Nachfrage im Radio wider. Dann müsste der MDR auch die Staatskapelle spielen. Ausnahmen gibt es, wie Helene Fischer, die jung und alt gerne hören.

Doch die Regel heißt nun: 50 Prozent deutsch, 50 Prozent internationale Musik. So spielt der Sender inzwischen Abba, The Beatles oder Cat Stevens – Musik aus einer Zeit, als die Jeans noch aus dem Westpaket kam. Dazwischen gesellen sich moderne deutsche Titel von Rosenstolz oder Unheilig. „Große Lyrik“, sagt der Programmchef. Nicht zu banal, sondern inhaltlich und sprachlich schön. Lieder, die Bilder im Kopf erzeugen. Musik, die ein Lebensgefühl ausdrückt. Holfeld spricht von einem Programm, indem sich die Hörer zu Hause fühlen, dem Heimatsender. Es gebe nur eine kleine Zahl, die sich über das neue Programm beschweren, behauptet er. Ab 2013 sollen auch die Regionalnachrichten ausgebaut werden, um noch näher an den Hörern dran zu sein. Schlagersänger Peter Kunze bleibt dennoch skeptisch. „Es ist schon eigenartig, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender Musik an den Konsumenten vorbei macht.“

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