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Das linke Jammertal

Die Trump-Wahl zeigt: Wollen linke Parteien nicht abschmieren, dürfen sie die Arbeiter nicht weiter abschreiben.

18.11.2016
Von Michael Bittner

 Jammertal
SZ-Kolumnisten Michael Bittner.

© ronaldbonss.com

Entgegen anderslautenden Gerüchten hat Donald Trump die Wahl in den USA nicht gewonnen – Hillary Clinton hat sie verloren. Trump bekam nämlich gar nicht sonderlich viele Stimmen, kaum mehr als Mitt Romney, der republikanische Verlierer bei der vorigen Wahl. Aber Hillary Clinton gelang es, trotzdem zu scheitern, letztlich aus einem Grund: Viele demokratische Stammwähler, besonders in den gebeutelten Industriestaaten des Nordens, stimmten nicht ab oder wählten sogar ihren Gegner. Was hier zu erleben war, geschieht ebenso in Europa: Viele Arbeiter und Arbeitslose haben sich von den linken Parteien verabschiedet.

Die wachsende soziale Ungleichheit ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Und eben die soziale Gleichheit war stets die wesentliche Idee der Linken. Wie kann es sein, dass linke Parteien trotzdem abschmieren? Womöglich liegt’s daran, dass diese Parteien in den letzten Jahrzehnten den Eindruck erweckt haben, nur noch den Gewinnern der Globalisierung eine Heimat zu bieten, den Jungen und Gebildeten, den international Erfahrenen und technisch Versierten.

Aber gerade Arbeiter erleben technologischen Fortschritt und offene Grenzen oft nicht als Glück und Segen. Sie können nicht im Ausland studieren und arbeiten, weil sie keine Fremdsprache sprechen. Sie können nicht vom Stahlarbeiter zum Computer-Spezialisten umschulen, weil ihnen der passende Bildungsabschluss fehlt. Den internationalen Wettbewerb erleben sie nicht als Chance, sondern als Bedrohung durch ausländische Konkurrenz. Sie fühlen sich vergessen und verlassen. Wenn dann am Wahltag plötzlich an ihre Solidarität appelliert wird, erleben sie das als Hohn. Und die Linken müssen feststellen: Menschen, die wir abgeschrieben haben, die schreiben auch uns ab.

Viele Politanalysten spotten über vermeintlich antiquierte Klassenkämpfer wie Bernie Sanders in den USA oder Jeremy Corbyn im Vereinigten Königreich, die den linken Parteien ihre Identität zurückgeben wollen. Mit solchen Radikalen könne man keine Wahlen gewinnen, dazu brauche man Kandidaten der gemäßigten Mitte. Aber Verlierertypen sind in Wahrheit eben solche Mittelgemäßigten der Marke Clinton, Steinbrück und Hollande. Wie können linke Parteien wieder siegen? Indem sie wieder dahin gehen, wo sie hingehören: nach links.

Die beiden Autoren unserer Kolumne „Besorgte Bürger“, Michael Bittner und Werner J. Patzelt, treffen am Sonntag bei einer Podiumsdiskussion in Dresden aufeinander. Der Verein Atticus lädt die beiden zu seiner Diskussionsreihe „Tacheles“: Sonntag, 20. November, 18 Uhr, Festsaal des Stadtmuseums Dresden, Wilsdruffer Str. 2. Eintritt 3 Euro.

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