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Donnerstag, 11.01.2018

Das Kreuz mit dem Mohren

Der Soziologe Wulf D. Hund analysiert in seinem Buch, wie Rassismus in Werbung, Schlager und Filme integriert wurde.

Von Michael Bittner

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Hat inzwischen ausgedient: Der Sarotti-Mohr – hier auf einem rund 100 Jahre alten Porzellan-Ei – wich 2004 nach lauter werdenden Rassismusvorwürfen einem Magier der Sinne als Markenzeichen des Schokoladenherstellers Sarotti.
Hat inzwischen ausgedient: Der Sarotti-Mohr – hier auf einem rund 100 Jahre alten Porzellan-Ei – wich 2004 nach lauter werdenden Rassismusvorwürfen einem Magier der Sinne als Markenzeichen des Schokoladenherstellers Sarotti.

© picture alliance / Martin Schutt

Der Buchtitel, den der Soziologe Wulf D. Hund für seine „Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus“ gewählt hat, irritiert und soll irritieren: „Wie die Deutschen weiß wurden“. Waren die Deutschen denn nicht schon immer weiß? Hund spielt nicht etwa auf die neuesten Ergebnisse biogenetischer Forschungen an, nach denen alle Europäer (sogar die Sachsen!) aus Afrika stammen. Vielmehr geht es ihm um folgende Einsicht: „Die Wahrnehmung von Hautfarben schließt nicht automatisch rassistische Konstruktionen von Schwarzen und Weißen ein.“ Erst in modernen Zeiten wurde aus den äußerlichen Unterschieden eine vermeintlich eindeutige Einteilung des Menschengeschlechts in Rassen unterschiedlichen Wertes abgeleitet.

In den ersten Kapiteln seines Buches zeigt Hund, wie bis weit in die Neuzeit hinein die Religion die wesentliche Kategorie bei der Beschreibung der Menschheit gewesen ist. Nicht nur wird das Christentum selbstverständlich auch Amerikanern, Asiaten und Afrikanern gepredigt, es gibt sogar schwarze Heilige.

Der Hass, den die Kirchen gegen Andersgläubige anfachen, ist allerdings nicht weniger mörderisch als der spätere Rassenhass. Aber mit einem Glaubensübertritt können sich selbst Juden vor ihren Verfolgern retten, noch niemand hängt dem modernen Aberglauben an, der Charakter des Menschen sei unveränderlich durch das „Blut“ bestimmt.

Dies ändert sich spätestens mit der Aufklärung, die – wie Hund zurecht betont – gerade in dieser Hinsicht keinen Fortschritt bringt. Die europäischen Bürger, die im Namen der Gleichheit gegen den Adel rebellieren, denken nicht daran, selbst auf die Beherrschung und Ausbeutung der Völker auf den anderen Kontinenten zu verzichten. Den Widerspruch im Bewusstsein heilt die moderne Wissenschaft: Sie beweist unwiderleglich den niederen Rang der „schwarzen“, „gelben“ und „roten“ Menschen, die von der Natur selbst zur Beherrschung durch die „Weißen“ bestimmt sein sollen, gleichsam als ewige Kinder. Dass sich unter den aufgeklärten „Rassenmachern“ zum Beispiel auch Immanuel Kant befindet, belegt, wie wenig selbst die größten Geister sich den Vorurteilen ihrer Epoche entziehen können.

Die moderne Rassentheorie bleibt nicht auf den Kreis der Gebildeten beschränkt. Die kolonialistische Propaganda verbreitet sie im 19. Jahrhundert auch unter der einfachen Bevölkerung. Die Verpackungen von Kolonialwaren zieren Bilder dienstfertiger „Mohren“, in Zoos werden bei „Völkerschauen“ exotische Menschen präsentiert wie Tiere. Aber der Rassismus weckt nicht nur Verachtung und Aggression den entfernten Fremden gegenüber, er wirkt verhängnisvoll auch auf die privilegierten „Weißen“ daheim zurück: „Die Einteilung der Menschen in hierarchisch geordnete Rassen schlug nach innen als der Verdacht durch, zur Rasse der ‚Herrenmenschen‘ könnten ‚Untermenschen‘ gehören.“ Das Gift des Rassismus zersetzt auch die europäischen Gesellschaften. Rassisten fangen an, in ihren eigenen Völkern nach fremden und minderwertigen Elementen zu fahnden. Sie finden nicht nur die Juden und die „Zigeuner“. Auch Arme, Behinderte und Kranke werden zu biologischen Feinden erklärt und schließlich von den Faschisten im Namen der Volksgesundheit zur Vernichtung freigegeben.

Die meisten Geschichten des Rassismus konzentrieren sich auf die rassistischen Theorien und ihre politische Umsetzung. Wulf D. Hund setzt hier andere Akzente: Er widmet sich vor allem der Ausbreitung des Rassismus in der Populärkultur und nutzt als Quellen neben Gemälden und Romanen auch Werbegrafiken, Schlager und erfolgreiche Filme. Das macht die Lektüre des reich illustrierten Buches anschaulich und unterhaltsam, bloß verliert der Leser gelegentlich zwischen all den bunten Beispielen den roten Faden der Erzählung aus dem Blick.

Ein anderer Mangel des Buches wiegt schwerer: Hunds Geschichte des Rassismus macht sich selbst der Schwarz-Weiß-Malerei schuldig. Es gibt in seiner Darstellung nur die rassistischen Weißen auf der einen Seite und auf der anderen deren Opfer, die Schwarzen, Asiaten, „Zigeuner“, Muslime und Juden. Hund, der im Text einmal von einem anderen Autor Dialektik einfordert, wäre besser auch selbst dialektischer zu Werke gegangen. Dann hätte er kaum die schmerzliche Einsicht unerwähnt gelassen, dass es auch Menschen gibt, die zugleich Opfer von Rassismus und rassistische Täter sind. Dies zeigt sich in unseren Tagen überdeutlich etwa in dem Hass gegen Juden, der in einigen muslimischen Gemeinschaften grassiert. Manch einem Leser wird dieses Fortleben des Rassismus in der Gegenwart sogar gefährlicher scheinen als die „Mohren-Apotheke“, der Hund die letzten Seiten seines Buches widmet.

Wulf D. Hund, Wie die Deutschen weiß wurden: Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus. J.B. Metzler, 212 S., 19,99 Euro

Leser-Kommentare

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. Der echte jk

    Ich esse jetzt eine Mohrrübe.

  2. Rübenkurt

    @Der echte jk: Das heisst dann korrekt 'Rübe/Möhre mit Migrationshintergrund' und wäre damit sogar richtig benannt (Urformen kommen aus dem Mittelmeerraum/Nahen Osten).

  3. Cleverle

    Das Substantiv Möhre ist dem mittelhochdeutschen mor(c)he, oder auch althochdeutschen moraha auch altsächsisch morha entlehnt. Im westgermanischen Sprachgebrauch murhön Möhre, auch im altenglischen more, moru. Außerhalb des Germanischen ist es möglicherweise dem russischen morkov entlehnt. Es stammt nicht aus dem früheren bereits im 8. Jahrhundert aufgekommenen Mohr. Mittelhochdeutsch mor(e), althochdeutsch mor, welches dem lateinischen Wort maurus entlehnt ist.

  4. Rübenkurt

    @Cleverle: Wow, wollen Sie darüber kein Buch schreiben, also so richtig bierernst?!

  5. Verwandtschaft

    Darf ich jetzt noch "Schwein" sagen? Oder "98%iger menschenähnlicher Allesfresser mit Ringelschwanz"?

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