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Dienstag, 15.03.2016

Das Kleben ist schön

Sie nennt sich Barbara und hängt ihre Sprüche-Poster auf, wo es Aufklärungsbedarf gibt. Jetzt war die Künstlerin in Dresden.

Von Juliane Hanka

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Auch diese Replik von „Barbara.“ auf den Stinkefinger war in Dresden nicht lange zu sehen. Dafür kursiert das Foto der Aktion noch immer im Internet. So wie die meisten Arbeiten der anonym agierenden Street-Art-Künstlerin.
Auch diese Replik von „Barbara.“ auf den Stinkefinger war in Dresden nicht lange zu sehen. Dafür kursiert das Foto der Aktion noch immer im Internet. So wie die meisten Arbeiten der anonym agierenden Street-Art-Künstlerin.

© Juliane Hanka

In vielen deutschen Städten tauchen seit zwei Jahren schwarz-weiße Pappschilder mit witzigen, klugen oder nachdenklichen Sprüchen auf. Darunter steht: „Barbara.“ Barbara, immer mit Punkt am Ende. „Barbara.“ ist ein deutschlandweites StreetArt-Phänomen. „Barbara.“ klebt ihre Meinung in die Welt, so wie andere einen persönlichen Kommentar im Netz hinterlassen. Sie gibt politischen Aussagen oder Hinweisschildern einen neuen Sinn. Dank ihr gibt es irgendwo die Led-Zeppelin-Straße und einen „Besorgten Burger“ bei McDonald’s.

Besonders Botschaften mit rassistischem oder diskriminierendem Inhalt setzt sie gern etwas entgegen. So schrieb sie unter ein verkehrt herum gemaltes Hakenkreuz in Hamburg: „Arme Wurst aus Altona, maltest diesen Blödsinn da, voller Hass, dazu noch dumm. Hakenkreuz geht andersrum.“ Einen AfD-Wahlaufkleber, auf dem „Die AfD wirkt … und wirkt … und wirkt …“ stand, ergänzte sie mit „… bei mir wie Brechmittel.“

Ihre Kommentare auf fragwürdige öffentliche Aussagen finden sehr viele Menschen gut. Fast 400 000 Menschen mögen ihre Facebook-Seite, gerade werden es täglich einige Hundert mehr. Neue Bilder, die sie dort veröffentlicht, werden von ihren Fans tausendfach geteilt und kommentiert. Doch niemand von ihnen hat „Barbara.“ je kennengelernt. Niemand weiß, wie sie aussieht, ob sie männlich, weiblich oder mehr als nur eine ist. Sie antwortet auf entsprechende Fragen: „Ich bin ein Mensch mit dem Namen Barbara.“ Und deshalb ist ein Interview mit „Barbara.“ auch nur über Facebook möglich, über das kleine Nachrichtenfenster.

Sie antwortet schnell, auch auf die Frage, warum sie unerkannt bleiben will. „Ich möchte, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird. Und mein Privatleben schützen. Außerdem führe ich gerne Gespräche mit unterschiedlichsten Menschen, um viele Meinungen und Sichtweisen zu erforschen.

Da hat Anonymität den Vorteil, dass mir die Leute absolut unvoreingenommen begegnen.“ Für die Wirkung ihrer Arbeiten spiele es keine Rolle, wer dahintersteckt. Doch irgendwie möchte man trotzdem mehr über sie wissen. Was also kann sie über sich verraten? „Also, ich bin jünger als Angela Merkel, aber älter als Justin Bieber. Ich versuche, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Ich reflektiere sehr viel, vielleicht zu viel, aber Selbstkritik und Reflexion haben mich bisher immer weitergebracht im Leben. Auch wenn es manchmal wehtut.“

Und warum hat sie sich für Humor als Waffe entschieden? Da holt sie etwas aus, redet über abschreckende Gewalt im Fernsehen und die aggressionslindernde Wirkung von Humor. „Niemand will jemanden schlagen, über dessen Witz er eben noch schmunzeln musste. Vielleicht sollten sich die Staatsoberhäupter dieser Welt in Zukunft vor jedem Treffen erst mal einen Witz erzählen, um die Stimmung aufzulockern.“ Ihr Witz ist das, was sie von den meisten anderen öffentlich agierenden Personen unterscheidet.

Kleben geht sie zu verschiedenen Tageszeiten, am liebsten aber morgens gegen halb zehn. Zwischen den Berufstätigen ist sie unsichtbar. Sie muss sich also nicht verkleiden, um unerkannt zu bleiben. Doch ihre Werke fallen auf. In Dresden fotografierte ein schwer bewaffneter Polizist am Hauptbahnhof sogar eins ihrer Poster. Fürs private Fotoalbum, wie er ihr später über Facebook schrieb. „Barbara.“ nutzte die ungewöhnliche Anekdote für eine größere Botschaft. Sie veröffentlichte sie und schrieb dazu, dass dies „ein klitzekleines Beispiel dafür ist, dass es falsch ist, immer alle über einen Kamm zu scheren, und dass eben doch in jeder Uniform ein Mensch steckt und der kann eben so oder so sein.“

Schon ein paar Tage, nachdem sie durch Dresden zog, ist leider nichts mehr von ihr zu lesen. Nicht mehr am Theaterplatz, wo sie an einem Montag ein Schild befestigte, auf dem sie die Freundschaft zu einer Muslimin pries, nicht am Hauptbahnhof und auch nicht am Albertplatz, wo das mit dem Brechmittel hing. Ihre Kunst ist äußerst flüchtig und das findet sie sogar gut. „Wenn meine Zettel nur wenige Tage oder Stunden hängen, ist das absolut okay für mich. Ich möchte nicht, dass Städte, in denen ich häufig bin, mit meinen Plakaten zugepflastert sind. Deshalb bringe ich alles so an, dass es rückstandsfrei entfernt werden kann.“

Gerade in letzter Zeit wird „Barbara.“ öfter angeschrieben, sie möge in diese oder jene Stadt kommen, um dort ein paar Schilder aufzuhängen, um auf Missstände hinzuweisen. Über diese Anerkennung ihrer Arbeit freut sie sich sehr. Dieses Jahr möchte sie so oft wie möglich in den Osten Deutschlands fahren, denn dort sieht sie das größte Potenzial für ihre Arbeit. „Ich hatte in Dresden das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. An einem Ort, an dem die mir aktuell dringendsten Fragestellungen, wie zum Beispiel die Rechtsbewegung Deutschlands, im Prinzip täglich verhandelt werden.“ Viel weiß man jetzt immer noch nicht über diese „Barbara.“. Aber bestimmt wird sie recht bald wieder ein paar unterhaltsame Botschaften in der Stadt hinterlassen.

In der Dresdner Motorenhalle sind jetzt unter dem Motto „Barbara. in Dresden“ Fotografien von ihren Plakaten zu sehen, die später für einen guten Zweck versteigert werden.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 26 Kommentare

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  1. Walter.

    Alles schön und gut, eigentlich auch lustig, aber auch bisschen blind. Ihre eigene Meinung zur Propaganda zu formen und als richtig abhaken finde ich nicht mehr lustig. Die Masse hat recht, nicht diese "Einzelfälle". Walter. (Auf den Punkt hinter Walter. achten)

  2. PPB

    Aha, die "Masse" hat also recht. Nach der These wird eine Aussage also richtiger je mehr Leute sie behaupten ...

  3. Kalle

    @Walter. (mit Punkt) Getreu dem Motto: „Leute, fresst Scheiße, Millionen Fliegen können nicht irren!“ Wer die Meinung anderer, als Propaganda ab tut, hat meiner Meinung nach schon ein offensichtliches Problem mit der Meinungsfreiheit. Sowas wie eine Schwarmintelligenz gibt es unter Menschen doch gar nicht, Pegida ist meiner Meinung nach ein gutes Beispiel dafür. 10 dumme Deutsche, sind natürlich auch 10mal dümmer, als ein dummer Deutscher.

  4. Walter.

    PPB, was die Propaganda angeht sollten Sie nochmal genau die Wortfolge beachten. Die Masse hat recht, so ist das in einer Demokratie. Oder bin ich falsch? Und Kalle, keine Ahnung wo die Pegida Keule jetzt zum tragen kommt, aber 10 nicht so schlaue Kommentare können immernoch schlauer sein als der Ihrer. Auch hier wurde meiner Wortfolge kaum Beachtung geschenkt. Aber immer weiter so! Ihr seid bestimmt auf dem richtigen Weg! Es sei denn...ach, egal.

  5. Martin H.

    @4. Dann drücken Sie sich doch verständlich aus. "Ihre eigene Meinung zur Propaganda zu formen und als richtig abhaken finde ich nicht mehr lustig." Was heißt das? Macht Barbara. Propaganda? Wer hakt was als richtig ab? Genauso Ihr nächster Satz: "Die Masse hat recht, nicht diese "Einzelfälle"." Aha. Ist die Masse die Mehrheit? Darf die Masse andere Massen terrorisieren? Fragen über Fragen. Man kann vielleicht ahnen, was Sie sagen wollen, wissen kann man es nicht. Also bitte berücksichtigen Sie den alten Luther Spruch: "Mach´s Maul auf, aber drück dich klar aus."

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