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Freitag, 04.01.2013

Das Jahr der „Tatort“-Schwemme

2013 rollen alte Köpfe, wirklich innovative Formate sind dagegen kaum in Sicht. Gut, wer einen DVD-Spieler hat.

Von Bernd Klempnow

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Das Saarbrücker Team mit Elisabeth Brück und Devid Striesow
Das Saarbrücker Team mit Elisabeth Brück und Devid Striesow
  • Das Saarbrücker Team mit Elisabeth Brück und Devid Striesow
    Das Saarbrücker Team mit Elisabeth Brück und Devid Striesow
  • Das Hamburger Team mit Fahri Yardim (l.) und Til Schweiger
    Das Hamburger Team mit Fahri Yardim (l.) und Til Schweiger
  • Das Weimarer Team mit Christian Ulmen und Nora TschirnerFotos: dpa
    Das Weimarer Team mit Christian Ulmen und Nora TschirnerFotos: dpa
  • Das norddeutsche Team mit Achim Buch, Wotan Wilke Möhring und Sebastian Schipper (v.l.n.r.)
    Das norddeutsche Team mit Achim Buch, Wotan Wilke Möhring und Sebastian Schipper (v.l.n.r.)
  • Das Erfurter Team mit Benjamin Kramme (l.), Friedrich Mücke und Alina Levshin
    Das Erfurter Team mit Benjamin Kramme (l.), Friedrich Mücke und Alina Levshin

Es wird blutig. So, wie 2012 ausklang, geht es ebenfalls 2013 weiter: Mit drei „Tatorten“ innerhalb einer Woche beging die ARD den Jahreswechsel. Und setzt die Krimi-Schwemme fort. Gleich fünf neue Teams starten in diesem Jahr. Selbst wenn ein paar Truppen und ihre Fälle gut ankommen – das Erste ist dabei, seine Marke „Tatort“ kaputt zu machen.

Am 27. Januar sendet die ARD den Fall „Melinda“, den ersten neuen Saarbrücker „Tatort“ mit Devid Striesow und Elisabeth Brück (als Jens Stellbrink und Lisa Marx). Am 10.März folgt der lang erwartete Hamburger Start von Til Schweiger als Ermittler Nick Tschiller. In dem actionreichen Fall „...und bist du nicht willig“ geht es um Kinderprostitution.

Im Jahresverlauf beginnt dann in Erfurt das bislang jüngste Ermittlerteam der seit 1970 laufenden Reihe mit Alina Levshin (28), Friedrich Mücke (31) und Benjamin Kramme (30) die Verbrecherjagd. Außerdem tritt Wotan Wilke Möhring als norddeutscher Ermittler Thorsten Falke an. Zu Weihnachten gibt es den ersten skurrilen Krimi aus Weimar mit Christian Ulmen und Nora Tschirner – er als vornamenloser Kommissar Lessing, sie als Kommissarin Kira Dorn.

Auf der Krimikarte von Deutschland, Österreich und der Schweiz finden sich nunmehr 21 „Tatort“- Teams. Da noch den Überblick über Ermittler, deren Standorte und Charaktere zu behalten, wird dem Zuschauer zunehmend schwerer. Zumal einige Teams nur einmal oder nur noch einmal pro Jahr zu sehen sind: Schweiger und Möhring von den neuen, Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm aus Hannover von den gestandenen. Wie sagt Ulrich Tukur, der den hessischen Kriminalisten Felix Murot spielt: „Es gibt ja fast keine deutsche Stadt mehr über 100000 Einwohner, die nicht über einen ,Tatort’-Kommissar verfügt.“

Alle sehen sich als Sieger

Noch allerdings stimmen die Quoten mit durchschnittlich acht bis neun Millionen Zuschauern. Der Hit 2012 kam mit 12,19Millionen Fans aus Münster. Und so tönt die ARD, sie sei im vergangenen Jahr mit einem Marktanteil von 15,7Prozent in der Zeit zwischen 20 und 23 Uhr vor dem ZDF (15,1Prozent) und RTL (11,8Prozent gewesen. Das mag alles sein. Auch das ZDF siegte, weil es seine Quoten in der Zeit von 19 bis 23Uhr zusammenzog. RTL siegte bei den jungen Zuschauern. Auch die anderen Sender fanden Rechenbeispiele, um sich zum Sieger zu erklären. Der MDR war das meistgesehene dritte Programm in seinem Sendegebiet. Was sollen denn die Mitteldeutschen auch lieber schauen: Fischkopf- oder Alpen-TV?

Fakt ist: Egal, wie alle Sender gerechnet haben. Viele bekannte Serien, Figuren und Köpfe sind schon 2012 verschwunden, und noch mehr werden es im neuen Jahr. Der ZDF-Historiker Guido Knopp feiert in wenigen Tagen den 65. Geburtstag und wird Pensionär. Die ZDF-Kommissarin Rosa Roth ereilt das Aus – Iris Berben hat nach zwei Jahrzehnten keine Lust mehr auf diese Rolle. Auch die betulichen „Polizeiruf 110“-Veteranen Schmücke und Schneider sind letztmals mit einem neuen Fall beschäftigt – allerdings ziehen deren Darsteller Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler nicht freiwillig in den Ruhestand. Sie würden dem Verjüngungswahn des MDR zum Opfer fallen, schimpfen sie. Auch andere Kollegen, ob vom Drama oder von der Show, seien vom Heimatsender vor die Tür gesetzt worden.

Wobei zu fragen ist: Kann man von Verjüngungswahn reden, wenn beispielsweise eine Mittvierzigerin wie Inka Bause die Sendung einer älteren Kollegin übernommen hat? Jung ist was anderes.

Im ZDF werden Serien wie „Forsthaus Falkenau“ und „Der Landarzt“ aus dem Programm genommen. Und die ARD will mindestens eine Talk-Show streichen – was angesichts ihrer mehr oder minder austauschbaren fünf Talk-Runden überfällig ist. Zu oft gleichen sich Themen und Gäste. In den nächsten Monaten wollen die ARD-Mächtigen Köpfe rollen lassen. Derzeit, so Insider, wackeln die von Reinhold Beckmann und Anne Will.

Nur, wird durch all diese Neuzugänge des Mattscheibenfriedhofs das Fernsehen wirklich besser? Innovative Formate sind kaum in Sicht. Die privaten und auch die öffentlich-rechtlichen Sender setzen eher auf bewährte Formate. Mit „Dschungelcamp“ und „Bauer sucht Frau“ lichtet RTL weiterhin im Zoo der Peinlichkeiten arme Seelen ab. Der MDR hat seine Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ auf Jahrzehnte angelegt und erweitert sein Schlager-Creme-Portfolio um Helene Fischer. Bei Sat1 feiert Macho-TV mit „Der letzte Bulle“ Urständ.

Einzig das ZDF verkündet, „die Innovationsfrequenz in den Genres Show und Fiktion“ zu erhöhen. Ob die satirische Sitcom „Lerchenberg“ mit Ex-„Traumschiff“-Playboy Sascha Hehn dazu zählt, wird sich zeigen. Doch der Sender überraschte schon mit anderen Projekten. Wer hätte denn nach dem Abschied von Moderator Thomas Gottschalk mit einem Comeback des Klassikers „Wetten, dass..?“ gerechnet? Markus Lanz gehörte mit seinen ersten beiden „Wett“-Shows zu den Gewinnern des Jahres 2012. Die Shows fielen zwar etwas hektisch und bemüht witzig aus, aber die Einschaltquoten der Premiere (13,62 Millionen) und der zweiten Ausgabe (10,74 Millionen) konnten sich sehen lassen. Die dritte Ausgabe lag bei 8,89 Millionen – zwar weniger, aber immer noch über der Sendervorgabe von acht Millionen.

Bleibt noch die Hoffnung auf große Fernsehfilme. Das ZDF legt in den nächsten Tagen mit seinem hochkarätig besetzten Dreiteiler „Das Adlon“ gut vor. Auch die weiteren Folgen von „Unter Verdacht“ mit Senta Berger dürften wie gewohnt für Qualität und Quantität stehen.

Sogar Sat1 verspricht bedeutende Produktionen. Hervorstechen dürfte das als „Guttenberg-Satire“ angekündigte Stück „Der Minister“. Es geht um Aufstieg und Fall eines „Überschall-Politikers“, in Anlehnung an den Fall des Ex-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. In den Hauptrollen sind Kai Schumann als Franz Ferdinand von und zu Donnersberg, Alexandra Neldel als Gattin Viktoria und Katharina Thalbach als Kanzlerin Angela Murkel zu erleben.

Witt spielt sich selbst

Ebenso ambitioniert ist das Stalker-Drama „Der Feind in meinem Leben“ auf Sat1. Darin wird ein Polizist (Matthias Koeberlin) zum gefährlichen Fan einer Eisläuferin. Die Sportlerin wird von Olympiasiegerin Katarina Witt gespielt, die Anfang der 90er-Jahre selbst Stalkingopfer wurde. Nur, sind solche Filme im Privat-TV wirklich ein Gewinn, da Werbeblöcke sie unterbrechen? Ein DVD-Spieler ist hilfreich, der die Werbung eliminiert.

Egal, ob schillernd oder schrill, ob aufregend oder lau: Die Angebote des deutschen privaten wie öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden von den Zuschauern angenommen. Der Deutsche sitzt laut der Marktforschungsfirma Media Control immer länger im Pantoffelkino. Mittlerweile sind es rund vier Stunden am Tag – fast doppelt so viele wie noch in den 80er-Jahren. Und besonders viel sieht der Mitteldeutsche.

Vielleicht sind aber die „Tatort“- und anderen TV-Schwemmen unwichtig. Denn der wahre Sieger im Äther ist der Sport, und er legt noch zu. Selten hat der Fußball das TV-Geschehen so dominiert wie 2012. Das EM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien war mit 27,99 Millionen Zuschauern die meistgesehene Sendung im deutschen Fernsehen überhaupt.

So betrachtet, können letztlich Krimi & Show einpacken. Denn für 2013 stehen emotionsreiche Champions-League-Spiele Beteiligung bevor. Außerdem versprechen die Kämpfe der Klitschko-Brüder und die Formel-I-Rennen wieder Einschaltquoten im zweistelligen Bereich. Das neue Jahr wird also – wie immer – gut. (mit dpa)

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