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Freitag, 17.02.2017

Das ist neu, dass einer Krieg will

Auf der Suche nach Alternativen zum desolaten Zustand der Welt macht der Autor Navid Kermani auch in Dresden Station.

Von Karin Großmann

Navid Kermani, 49, hat iranische Wurzeln und war auch als Bundespräsident im Gespräch.
Navid Kermani, 49, hat iranische Wurzeln und war auch als Bundespräsident im Gespräch.

© dpa

So wie bisher kann es nicht weitergehen. Darauf können sich die drei Schriftsteller auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses schnell einigen. Wenn Staaten auseinanderbrechen, wenn Kriege immer näherrücken, wenn die sozialen Unterschiede explodieren, dann müsste dringend eine Alternative her – und das kann nicht die Rückkehr zum Nationalstaat sein. Was dann?

Es war nicht zu erwarten, dass an diesem Mittwochabend alle Weltprobleme gelöst werden. Vielleicht werden einige schärfer benannt. Navid Kermani will es wenigstens versucht haben. „Noch haben wir die Dinge in der Hand“, sagt er beschwörend, „noch können wir umsteuern!“ Eine politische Entwicklung wie in England, Frankreich oder Amerika würde er gern verhindern. Deshalb wirbt Kermani für mehr demokratisches Mittun und diskutiert an sieben Tagen in sieben großen Theatern mit wechselnden Gästen. Die Einnahmen gehen an Hilfsprojekte.

Diskutieren statt herumbrüllen

In Dresden wird Kermani begleitet von Jeremy Adler, britischer Dichter und Professor für deutsche Sprache, und von Büchner-Preisträger Marcel Beyer, der auch gleich das Motto des Abends zerpflückt: Welt aus den Fugen. Das, meint Beyer, sei ja nicht neu. „Es knirscht doch schon die ganze Zeit! Vielleicht hat es der Westen nur nicht wahrgenommen, dass sich im Osten mit dem Herbst ’89 die Lebenswirklichkeit von einem Tag auf den anderen komplett verändert hat.“ Die Risse wurden nie richtig verfugt, vermutet der Schriftsteller, der seit über zwanzig Jahren in Dresden arbeitet. Was er hier vermisst, ist eine Streitkultur, wie er sie etwa bei Friedensdemonstrationen in Köln erlebte. „Die Leute müssen sich nicht einig sein, aber sie müssen sich nicht anbrüllen. Doch an den Rändern der Gesellschaft gilt nicht mehr, dass Aufeinanderzugehen die beste Form des Gesprächs ist – dort will man nur recht haben.“

Marcel Beyer bedauert, dass der öffentliche Raum in der Stadt weitgehend unbesetzt bleibt – „ein Vakuum, in das nun die Rechten dringen“. In der Diskussion gibt eine junge Frau zu bedenken, dass das politische Vakuum nach ’89 nur mit Konsum gefüllt wurde und nicht mit neuen Ideen.

Auffällig viele junge Leute verfolgen die Debatte im ausverkauften Schauspielhaus. Navid Kermani, als Sohn iranischer Einwanderer 1967 in Deutschland geboren, setzt in diese Generation seine Hoffnung. Woran liegt es, fragt er, dass Jüngere selten wählen gehen und sich ungern in Parteien engagieren? „Können wir mit unseren Alternativen nicht überzeugen?“ Worin diese Alternativen liegen, bleibt im Ungefähren.

Das Modell von einem offenen Europa scheint erst jetzt wieder interessant zu werden, da es bedroht ist durch nationalistische Bestrebungen. Der Autor Jeremy Adler beschreibt diesen Zustand für England so: „Toleranz wird durch Intoleranz ersetzt, Wahrheit durch Lüge und Frieden durch Aggression.“ Spätestens mit dem Beschluss zum Brexit sei der gesellschaftliche Konsens aufgekündigt worden. Da zeige sich im Kleinen, was Amerika im Großen vorführe. „Trump sucht den Krieg mit China“, meint Adler. „Das ist neu in unserer Gesellschaft, dass einer Krieg will.“

Und weil Adler gerade in Fahrt ist, nimmt er Trumps Wähler gleich mit in Haft. Er nennt sie eine irre, wirre und geistig heimatlose Masse, die Trump als Führer die Macht zuspiele und sich selbst jenseits demokratischer Kanäle bewege. „Sie erzeugen ein demokratisches Defizit.“ Wer einen Politiker nur aus Unmut wähle, handle irrational. Und wer nicht bereit sei, seine Zeit für demokratische Prozesse einzusetzen, dürfe danach auch nicht jammern.

Viel meinen und wenig wissen

Und woher kommt wohl der Unmut?, fragt ein Zwischenrufer aus dem Publikum. Er scheint die Antwort genauso zu kennen wie die drei auf der Bühne. Soziale Ungleichheit ist das größte Übel, sagt Navid Kermani. „Alle anderen Konflikte überdecken das nur.“ Da werde die Angst vor Fremden, vor Terroristen oder vor Ungläubigen geschürt, während die Reichen um ihre Viertel immer höhere Mauern ziehen aus Angst vor den Armen. „Aber sie können die Mauern noch so hoch bauen – die Realität lässt sich nicht aussperren.“

Damit ist der Punkt erreicht, wo solche Diskussionen oft enden. Sie beschreiben einen Zustand, und diese Beschreibung findet auch viel Zustimmung. Nur die Konsequenz fehlt: Wie der soziale Konflikt zu lösen wäre. Die Vision von einem offenen Europa dürfte nicht genügen, um auch nur annähernd Gerechtigkeit herzustellen.

Immerhin hat Navid Kermani für die Medien einen Rat zur Hand, wenn er feststellt, dass die Zahl der Talkshows im Fernsehen und der Meinungskolumnen in den Zeitungen ständig wächst – anders als der Platz für Faktenvermittlung. „Wir wissen immer weniger und meinen immer mehr.“