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Mittwoch, 11.01.2017

Das Heute im Western von gestern

„Hell Or High Water“ aktualisiert das alte Genre schlüssig für die Gegenwart der Bankenkrise.

Von Jörg Peter Löblein

Marcus (Jeff Bridges, l.) und Alberto (Gil Birmingham), zwei altgediente Texas Ranger, sind in „Hell Or High Water“ den Bankräubern auf der Spur.
Marcus (Jeff Bridges, l.) und Alberto (Gil Birmingham), zwei altgediente Texas Ranger, sind in „Hell Or High Water“ den Bankräubern auf der Spur.

© Paramount Pictures

Nach dem Bankraub rast man in diesem höchst gegenwärtigen Western mit einem klapprigen Auto vorbei an riesigen Plakatwänden, auf denen für Kredite geworben wird. Man rast durch kahle Landschaften mit verfallenden Zweckbauten und durch staubige Kleinstädte, in denen kaum mehr etwas los ist. Ganz nebenbei erhascht die Kamera einmal ein Graffito, welches beklagt, dass die kleinen Leute zwar dreimal in den Irak-Krieg geschickt werden, aber keine Unterstützung bekommen, wenn sie ihre Schulden nicht mehr abbezahlen können. Und ein Texas Ranger indianischer Abstammung fasst die jüngere Geschichte der Region knapp so zusammen: Zuerst stahlen die Weißen das Land von den Indianern, jetzt wird es den Weißen von den Banken genommen.

Um die Farm der Familie vor der Zwangsvollstreckung zu bewahren, haben die Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) beschlossen, das fehlende Geld von jener Bank zu stehlen, der sie es schulden. Nach und nach, in kleinen Beträgen aus kleinen Filialen, sorgsam gewaschen in den Casinos der Komantschen. „Hell Or High Water“ ist ihre Devise und der Titel dieses Films: Egal, ob Hölle oder Flut, komme, was da wolle. Aber wenn das Gebrüll, die Schüsse und das Motorgeheul des ersten Raubüberfalls verhallt sind, dann breitet sich eine beinahe irritierende Ruhe aus.

Dann werden die Männer beobachtet beim Rumlümmeln und Sinnieren, beim Reden und Biertrinken (wichtigste Zeitansage des Films: „It’s beer o’clock“). Und weil mit Alberto und Marcus zwei altgediente Texas Ranger die Ermittlungen aufnehmen, doppeln und spiegeln sich die raubeinigen Männerpaare erst vergnüglich, dann tödlich. Geschrieben von Taylor Sheridan, inszeniert von David Mackenzie und musikalisch untermalt von Nick Cave, setzt „Hell Or High Water“ schlüssig das alte Western-Thema der Landnahme ins Licht der Finanzkrisen-Gegenwart.

Genre-Mythologie und Realismus fließen sanft ineinander, so bleibt der vorsichtig menschenfreundliche Blick frei von verklärendem Fetischismus: Wenn etwa Waffen ins Spiel kommen, dann wird es nicht heroisch, sondern es eskaliert unschön. Und das Fluchtauto versenken die beiden Räuber einfach in einer zuvor ausgehobenen Grube auf ihrem Grundstück. Die unendliche Landschaft nimmt ohnehin alles auf, was des Menschen ist.