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Montag, 02.10.2017

Das alleingelassene Kind

Leonard Bernsteins Minioper „Trouble in Tahiti“ bekommt in Dresden berührende Aktualität.

Von Jens Daniel Schubert

Dinah und Sam sind ein normales Paar. Verheiratet, ein Kind, im Vorstadt-Reihenhaus der amerikanischen Fünfziger. Auch wenn alles so aussieht wie im Werbeprospekt, fehlt ihrer Beziehung ein Stück zum Glück. Statt miteinander zu reden geht man ins Kino, wo „Trouble in Tahiti“ ganz einfach gelöst wird.

Leonard Bernstein schrieb die gleichnamige Oper 1952. Auf Semper Zwei, der Kammerspielstätte der Semperoper, kam sie am Wochenende zur Premiere. Es ist ein unterhaltendes Stück mit Hintersinn, kurz und prägnant, auf den Punkt gebracht und dennoch offen. Manfred Weiß inszenierte die sieben Szenen als einen Bilderbogen. Zusammen mit dem musikalischen Leiter Franz Brochhagen erweiterte er ihn um drei Songs als Prolog und einen Epilog mit Musik von Charles Ives.

Die heile Welt der Werbung ist der Geschichte von Dinah und Sam vorangestellt und dominiert das Bild als großformatiger Bühnenhintergrund. Sie bietet Glück als Konsumgut, handlich abgepackt und einfach zu bedienen. Bernstein erzählt die Sehnsucht nach diesem Glück sehr eindringlich, findet eingängige, musicalhafte Melodien. Und er zeigt die Zerrissenheit des Paares, das unfähig ist, den Weg zueinander zu finden. Man möchte Mitleid mit den beiden haben, sie ermutigen, das Gespräch zu suchen. Stattdessen gehen sie ins Kino und lassen sich von einer Welt einfangen, die sie selber als schrecklich kitschig und unrealistisch begreifen. Die Inszenierung geht noch einen Schritt weiter, sie zeigt das Kind, bei Bernstein als zusätzliches Streitobjekt eingeführt, als das eigentliche Opfer der Beziehungslosigkeit seiner Eltern. Im Epilog spielt es alleingelassen mit Batmanmaske und Superhelden-Actionfigur. Wer weiterdenkt, landet im Heute. Dazu die spannungsvolle Musik von Charles Ives „The Unanswered Question“, die der bernsteinschen Musik eine zusätzliche Dimension gibt.

Bernstein erzählt die Ehebeziehung über verschiedene reflektierende Szenen der beiden Protagonisten, die er durch ein Gesangstrio kommentieren und komisch brechen lässt. Regisseur Weiß führt die Figuren dabei genau, nachvollziehbar und authentisch. Das Gesangstrio ist kommentierender Chor, mehr aber der „Narr“, der zu allem seine entlarvende Pointe hat. Stilgerecht und schwungvoll begleiten die Sänger Mitglieder der Staatskapelle unter der umsichtigen Leitung von Brochhagen.

Wenn Werbung das Vorbild ist

Die Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter haben einen schlichten, aber ausdrucksstarken Spielraum gebaut. Ein mit Glühbirnen umkränzter Spielsteg zwischen dem kleinen Orchester und dem Publikum, drei Fernsehgeräte aus der Frühzeit des Mediums, die cool swingende Kleidung der Zeit, vor dem Werbeplakat der glücklichen Familie mit Auto und Hund. Es ist eine Show-Bühne, dieses Leben, man misst sich mit der Werbung, als wäre sie wirklich. Und die melancholische Melodie nach dem kleinen friedlichen Ort, „a quiet place“ verklingt schön, aber ungehört.

Jennifer Porto ist die sehnsuchtsvolle, aus ihrer Einsamkeit nicht ausbrechen könnende Hausfrau, Martin Gerke gibt den smarten Geschäftsmann, der sich als coolen Gewinner sieht, aber sich den notwendigen Schritt auf seine Frau zu nicht traut. Als „Radiowerbung“ agieren typgerecht Carolina Ullrich, Timothy Oliver und Sheldon Baxter. Das Publikum applaudierte der gelungenen Ensembleleistung anhaltend.

wieder: 4., 7., 8., 11., 13., und 14. Oktober; Kartentel. 0351 4911705

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