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Montag, 13.11.2017

Da wuchert die blanke Urgewalt

Den Sieg beim 18. Deutschen Karikaturenpreis in Dresden holt sich Frank Hoppmann mit seinem Erdogan-Porträt.

Von Dr. Johannes Bücklich-Bömmler*

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Dagmar Gose-Jacob (Künstlername Stroisel), Gewinnerin des Preises für die besondere Leistung, Frank Hoppmann (M), Gewinner des geflügelten Bleistifts in Gold für die beste Einzelkarikatur und Tobias Hacker (Künstlername Gymmick), Gewinner der Auszeichnung für die Gesamtperformance
Dagmar Gose-Jacob (Künstlername Stroisel), Gewinnerin des Preises für die besondere Leistung, Frank Hoppmann (M), Gewinner des geflügelten Bleistifts in Gold für die beste Einzelkarikatur und Tobias Hacker (Künstlername Gymmick), Gewinner der Auszeichnung für die Gesamtperformance

© dpa

  • Dagmar Gose-Jacob (Künstlername Stroisel), Gewinnerin des Preises für die besondere Leistung, Frank Hoppmann (M), Gewinner des geflügelten Bleistifts in Gold für die beste Einzelkarikatur und Tobias Hacker (Künstlername Gymmick), Gewinner der Auszeichnung für die Gesamtperformance
    Dagmar Gose-Jacob (Künstlername Stroisel), Gewinnerin des Preises für die besondere Leistung, Frank Hoppmann (M), Gewinner des geflügelten Bleistifts in Gold für die beste Einzelkarikatur und Tobias Hacker (Künstlername Gymmick), Gewinner der Auszeichnung für die Gesamtperformance
  • SIEGER: „Erdogan“ von Frank Hoppmann
    SIEGER: „Erdogan“ von Frank Hoppmann
  • SONDERPREIS: „Meinung“ von Stroisel
    SONDERPREIS: „Meinung“ von Stroisel
  • PERFORMANCE-PREIS: „Genfer Konvention“ von Gymmick
    PERFORMANCE-PREIS: „Genfer Konvention“ von Gymmick

Ihr Staunen ist gerechtfertigt! Welchen Zauber, welche Magie strahlt dieses Bild aus! Es zerrt einen förmlich in seinen Bann! Endlich wieder ein Porträt, das die Moderne so schmählich vergaß. Statt Abstraktion: Wiedererkennbarkeit – und doch bleibt Geheimnis und Tiefe!

Ganz in der Tradition altmeisterlicher Ölmalerei nimmt der zeitgenössische Künstler in seinem Werk „Recep Tayyip Erdogan“ die reichhaltige Symbolik alter Religionen und Kulturen gewitzt wieder auf. Die an orientalischen Männerhüten namens Fes angelehnte Kopfbedeckung mag in diesem Fall unkonventionell daherkommen, aus Plastik, mit einem Metallbügel. Doch wie heutig ist das Material! Das ist die fantastische neue Stofflichkeit!

Sie steht auch für den technischen Fortschrittswillen des Porträtierten – beispielsweise: elektrischer Stuhl statt Galgen! Und der Metallbügel zeigt an: Das Visier ist weit aufgeschlagen. Ein Herrscher, der seinen ärgsten Gegnern offen in die Augen schaut – wenn sie erst mal hinter Schloss und Riegel sitzen.

Unglaublich, wie der Künstler die Symbolkraft der Farben einsetzt, ohne das Gegenüber, den Porträtierten, bloßzustellen, zu verletzen oder gar ehrabschneidend zu werden! Beachten Sie das Rot, nicht nur bei der Kopfbedeckung! Hier dringt mit der Signalfarbe das Gleichnis ans Tageslicht: für Feuer, Blut, für abgrundtiefe Rache, größenwahnsinnige Aggressivität, Wut und Brutalität! Wie geschickt es dem Maler in seinem Werk gelingt, diese wenig vorteilhaften Wesenszüge auf so unterschwellige Weise zu verwirklichen – Chapeau!

Rufen wir uns ins Gedächtnis, wofür die Farbwahl der Krawatte stehen könnte. Blau und Grau als diagonales Muster! Dies scheinen gesellschaftliche Tarnfarben zu sein, die das wahre Innere und Tugenden wie Sachlichkeit, Ruhe und Treue anzeigen. Auch hier wieder: der Künstler vermeidet das direkt Verzerrende oder Herabsetzende. Er deutet an, was sein könnte. Jeder bekommt das Gefühl, einem freundlichen und neutralen Medium gegenüberzustehen. Wir müssen es nur mit unserem eigenen Wesen ausfüllen wie kühler Wein einen leeren Krug!

Der Potentat auf unserem Bild ist der Regent eines großen Volkes. Unser Künstler legt ihn auf einer Art Reißbretthintergrund an. Die Vermessung der Welt, verkörpert in dieser Figur … als eine Art vitruvianischer Mensch … da Vincis berühmte Zeichnung. Ideale Proportionen – oder was will uns der Künstler sagen durch die Blume des Korans? Eine Antwort liegt vielleicht in den Händen: Die Finger sind ineinander verfächert, symbolisch für Einheit, Stabilität, Durchsetzungskraft – oder aber auch eine bequeme Haltung, um zum Beispiel Däumchen zu drehen!

Dann sein Blick: in eine imaginäre Ferne gerichtet, eher nach Osten als nach Westen, eher gen Himmel als gen Erde. Wähnt er sich schon woanders. Spricht aus diesen Augen die Sehnsucht nach einem Ort jenseits irdischer Verhöre? Wie lange lässt er die Jungfrauen im Paradies noch warten? Irritierend, was unter der sprichwörtlichen weißen Weste gedeiht! Am linken Hemdsärmel bricht sich ein Büschel Bahn. Ist es eigenes Haar? Oder tierisches? Echtes oder handelt es sich um sogenannte Brusthaar-Extensions, die außer Kontrolle geraten sind. Das Gesicht bis auf den Schnurrbart glatt rasiert – aber hinter der gutbürgerlichen Fassade wuchert die blanke Urgewalt. Wieder gelingt es dem Künstler, die großen Gegenkräfte, die in jeder Herrscherbrust wirken, liebevoll anzudeuten – Lethargie hier, cholerische Wut dort!

Am linken Revers trägt der demokratische Despot ein Abzeichen, platziert wie ein Orden. Wir erkennen das Wappen, die Flagge seines Landes mit dem Mondstern!

In der Rolle des Kunstprofessors Johannes Bücklich-Bömmler würdigte Tom Pauls mit dieser Rede die Siegerarbeit bei der Gala zum Karikaturenpreis.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. B.O.Bachter

    Ein würdiger Sieger. Ich würde allerdings Herrn Hoppmann von einem Urlaub in der Türkei dringend abraten.

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