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Freitag, 09.02.2018

Böse Wörter

Mit verbalen Zweideutigkeiten kann man gut provozieren, aber keinen Kampf gewinnen.

Von Michael Bittner

SZ- Kolumnist Michael Bittner
SZ- Kolumnist Michael Bittner

© Ronald Bonß

Wenn man ein Schauspiel wieder und wieder mit denselben Akteuren vor denselben Zuschauern aufführt, dann wird selbst eine Tragödie unweigerlich irgendwann zur Farce. Jüngst war es wieder so weit: Ein Rechter hat „entartet“ gesagt! Diesmal war’s ein Abgeordneter der AfD im Bundestag. Die anderen Parlamentarier waren pflichtschuldig empört, der Toni Hofreiter von den Grünen sogar ehrlich entrüstet. Die mahnenden Worte ließen nicht auf sich warten: „Entartet“ war eine Kampfphrase der Nationalsozialisten. Sie nannten so nicht nur unliebsame Bilder und Bücher, bevor sie verbrannt wurden. Auch für Menschen war es der erste Schritt zur Vernichtung, von den Nazis als degeneriert bezeichnet zu werden. Auf die Empörung folgte, wie im Drehbuch vorgesehen, die übliche Verteidigung der Rechten: Von „Entartung“ hätten ja nicht bloß die Nazis gesprochen, populär gemacht habe den Begriff sogar ein jüdischer Schriftsteller. Alles ganz harmlos!

Dieser öde, fruchtlose Streit um Wörter wiederholt sich unablässig. Zeigt, wer „völkisch“ sagt, eine ebensolche Gesinnung? Oder ist „völkisch“ einfach das Adjektiv zu „Volk“? Will einer, der heute von „Umvolkung“ spricht, die unter diesem Namen begangenen Verbrechen der Nationalsozialisten in Osteuropa verharmlosen? Oder handelt es sich bei dem Wort, wie auch Professor Werner J. Patzelt meint, nur um den „unverblümten Begriff“ für den Übergang zur Multikulturalität?

Solche Unklarheiten erfüllen einen Zweck. Unter den Politikern wie den Wählern unserer neuen Rechten befinden sich einerseits Klemmnazis, die sich von den alten Faschisten nur dadurch unterscheiden, dass ihnen der Mut fehlt, ihre Gesinnung offen zu bekennen, andererseits aber auch Bürger, die bloß Recht und Ordnung fordern, mit Nazis aber nichts zu tun haben wollen. Provokative Zweideutigkeiten sind ganz nach dem Geschmack jener, verschrecken aber auch diese nicht.

Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Es gibt keine Wörter, die an und für sich böse wären. Jeder Versuch, anhand einzelner Phrasen Menschen der Bosheit zu überführen, muss scheitern. Allenfalls Kindern verbietet man einzelne Wörter als pfui. In kindische Streitereien um Wörter sollten Demokraten sich von ihren Gegnern nicht locken lassen. Entschieden wird der Kampf andernorts.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.