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Montag, 20.11.2017

Boerne spürt den süßen Charme des Todes

Wenn der „Tatort“ aus Münster in Kunstkreisen spielt, dann sind die üblichen Schrulligkeiten des Teams das Harmloseste.

Von Bernd Klempnow

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Performance am Seziertisch: Der Künstler G.O.D. (Aleksandar Jovanovic) führt die Hand von Boerne (Jan Josef Liefers). Die Nähe zum Tod fasziniert ihn. Und auch der Professor fühlt den Kitzel, ein extremer Geist zu sein.
Performance am Seziertisch: Der Künstler G.O.D. (Aleksandar Jovanovic) führt die Hand von Boerne (Jan Josef Liefers). Die Nähe zum Tod fasziniert ihn. Und auch der Professor fühlt den Kitzel, ein extremer Geist zu sein.

© WDR/Wolfgang Ennenbach

Immer noch einen draufsetzen. Wer glaubte, dass der „Tatort“ aus Münster an Sujetgrenzen kommt, weil es nicht noch schräger werden kann, der wurde im nunmehr 32. Fall eines Besseren belehrt. Waren die jüngsten Filme der Quotenkönige mehr Krimis im herkömmlichen Sinne, ging es diesmal wieder schön skurril zu.

Das war kein Zufall, denn Boerne und Thiel ermittelten in der Kunstszene – und die ist auch im wahren Leben mitunter merkwürdig. Auf einer Kunstmesse in Berlin wurde unlängst vakuumierter Taubenkot zum Sammlerobjekt. Oder, man denke nur an Body-Art-Performances, etwa an jenen Amerikaner Bob Flanagan, der sich aus Warnung vor der Marginalisierung des kranken Körpers einen Nagel in den Penis schlug. Der Russe Pjotr Pawlenski nähte sich aus Protest gegen die Inhaftierung von Pussy Riot den Mund zu.

Solche Performances faszinierten auch den der „Tatort“-Morde verdächtigten Künstler G.O.D.. Wie dieser extreme Geist das Leichenschauhaus zu seiner Bühne, Assistentin Alberich zur Protagonistin und Prof. Boerne zum Statisten machte, das war zwar ausgedacht, ist aber real sehr gut vorstellbar. Vom „süßen Charme des Todes“, von dem G.O.D. schwärmte, haben schon Dichter und Denker vor Jahrtausenden berichtet. Auch einige geniale Opern, etwa von Richard Wagner, zelebrieren dieses Ende als höchste Form des Empfindens.

Erstaunlich, dass es dem Münster-Team stets unterhaltsam gelingt, sich an ihrer Stadt, diversen Klischees und eigenen Schrulligkeiten abzuarbeiten. Diesmal bot die – tatsächlich existierende – Skulpturen-Schau Gelegenheit, präparierte Leichen in Objekten zu verstecken. Während sich der Pathologe Boerne als Meisterschüler von G.O.D. zum Affen machte, staunte der bodenständige Kommissar Thiel über die ihm fremden Kunstspielarten. Viele Zuschauer dürften ihn verstehen: Wenn es als Leistung gilt, dass ein Exzentriker einen Koffer durch die Gegend trägt oder jemand Videoaufnahmen aus dem Inneren seines Körpers live auf einem Bildschirm präsentiert, darf man sich schon mal am Hinterkopf kratzen. Dagegen sind ja Joseph Beuys Fettecken ernst zu nehmende Werke.

Zu toppen ist der Fall eigentlich nur noch, wenn Boerne und Thiel mal unter Theaterleuten ermitteln sollten. Auch dort sind Genie und Wahnsinn eins – freilich garniert mit dem Hang zu Lug und Intrige.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Wähler

    Hatte mich so auf einen normalen Tatort gefreut und dann kam es doch wieder. Flüchtlingsthema, toter "Hetzer"...Warum muss in jedem Tatort das Flüchtlingsthema drin sein? Reicht es nicht, dass wir schon jeden Tag (wirklich jeden Tag) auf irgend einem Sender Hitler in allen Facetten präsentiert bekommen? Oder ist der ÖRR doch nicht so unabhängig wie immer behauptet wird. Gab es eine Regieanweisung aus Berlin? Naja wenigstens kommen die Grünen nicht in die Regierung sonst hätten wir ganz schnell einen arabischen Fernsehkanal.

  2. Marc Brossmann

    Tatort? Ach was, Sonntagabend ist doch Footballzeit.

  3. Marc Brossmann

    @1 " Reicht es nicht, dass wir schon jeden Tag (wirklich jeden Tag) auf irgend einem Sender Hitler in allen Facetten präsentiert bekommen?" Meist sind es gerade diejenigen, welche dringenden Nachholbedarf in Sachen Bildung und Information haben, die sich über ein vermeintlich Zuviel an Inhalten dergestalt beschweren. Seltsam. Aber in der deutschen TV-Landschaft kann man doch ganz einfach jeglichen relevanten Inhalten aus dem Weg gehen.

  4. Volker W.

    Man kann über diesen Tatort streiten, wie auch über jeden anderen. Aber der Schluss passt eigentlich zu jedem Film der Reihe. Zu anderen natürlich auch.

  5. Wähler

    @Brossmann Es geht nicht um Bildung und Aufklärung. Aber was mit der Hitlerglorifizierung im Fernsehen abgeht, ist nicht normal. Fehlt nur noch eine Sendung über seinen Schäferhund. Den Rest hat man schon lang und breit mehrfach verfilmt. Insbesondere die Lobhudelei über Hitlers "Wunderwaffen" wundern mich schon sehr.

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