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Blödelrepublik Deutschland

Politiker zu Witzfiguren zu erklären ist groß in Mode. Und manchmal ist es lächerlich.

29.04.2016
Von Werner J. Patzelt

ublik Deutschland

© Ronald Bonß

Mit Witzfiguren ist es so eine Sache. Über die einen machen wir uns lustig, etwa über „Dick und Doof“. Andere wirken eher wie „Ritter von der traurigen Gestalt“, sodass sich unserem Lachen Mitleid beimischt. Wieder andere finden wir zum Brüllen komisch, wie Chaplins Großen Diktator Hynkel. Oder auch dessen Original – aber eigentlich nur, wenn wir Nürnberger Parteitagsreden aus sicherem geschichtlichem Abstand oder in Polt’scher Verfremdung sehen.

Was macht eine Witzfigur zur Witzfigur? Sie sich selbst, weil A. H. eben eine Witzfigur war? Sind es Widersprüche zwischen ihr und der Wirklichkeit – weil die sich gewandelt hat wie die deutsche Rhetorik seit A. H., oder die nur eingebildet ist wie Don Quijotes Ritterwelt? Oder sind wir es selbst, wenn uns Fantasiearmut oder Gedankenträgheit daran hindern, die Welt aus einem anderen Blickwinkel als dem gewohnten anzusehen? Sodass wir zum Witz erklären, was wir nicht verstehen?

Hier sind Beispiele: Donald Trump und Kim Jong-un, Helikoptergeld, bedingungsloses Grundeinkommen, ein Sprengstoffgürtel als Weg zum Paradies. Man sieht: Witzfiguren und witzige Ideen müssen gar nicht witzig sein; gefährlich reicht. Oft fehlt es nur unsererseits an Gewitztheit, derlei zu erkennen – beim Blick auf Tatsachen, Ideologien, auf manches Missverhältnis zwischen beiden. Dann gerät die Rede von Witzfiguren zum Offenbarungseid. Den sollten wir nicht brauchen. Zumal ja Politisches nicht dadurch schöner wird, dass man dessen Irrungen und Wirrungen als Witz behandelt. Beweis: Die Spaßpartei verdoppelt nur Realsatiren des Politikbetriebs. Die „Heute-Show“ erzeugt bloß das Gefühl des Verstandenhabens, nicht dieses selbst. Und Böhmermann machte Erdogan auch nicht besser.

Worum also geht es uns, wenn wir Politik wie einen Witz, Politiker wie Witzfiguren behandeln? Wollen wir einfach Spaß haben? Den Hofnarren geben? Zeigen, wie klug wir sind – und wie blöd die Parlamentarier, Parteianhänger, Parteiprogrammschreiberlinge? Boshafter Wirrkopf! Wir walten eines edlen Amtes! Kritische Geister sind wir, Intellektuelle, Literaten, Verfasser wortmächtiger Essays! Und Essay heißt auf Deutsch nun einmal „Versuch“, und der kann auch daneben gehen! – Ja sicher. Wie so manches in der Politik. Und ohne gleich ein Witz zu sein.

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