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Freitag, 22.09.2017

Blind vor Wut

Je härter alle zusammen die AfD verdammen, desto besser steht sie in den Umfragen da.

Von Michael Bittner

SZ-Kolumnist Michael Bittner.
SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonss

Wenn einem das Schicksal die Gelegenheit schenkt, so kurz vor einer Bundestagswahl eine Kolumne zu schreiben, dann ist die Versuchung groß, den Leser mit einem flammenden Appell zu langweilen. Ich möchte das unterlassen. Die meisten Leute wissen längst, ob und wen sie wählen werden.

Bei Umfragen behaupten zwar viele, sie seien noch unentschlossen, aber damit bringen sie doch nur ihre Unzufriedenheit mit dem politischen Angebot zum Ausdruck. Der Wahlkampf der Parteien der sogenannten Mitte war alles andere als begeisternd, stattdessen selbstzufrieden, ideenarm und konfliktscheu.

Weil den altgedienten Politikern wenig einfiel, versuchten sie in den letzten Wochen, ihre schläfrigen Anhänger durch den Kampf gegen die „Alternative für Deutschland“ aufzurütteln. Wahrlich eine geniale Idee, eine Protestpartei dadurch schwächen zu wollen, dass man beständig über sie und nichts anderes mehr redet!

Je härter alle zusammen die AfD verdammten, desto besser stand sie in den Umfragen da. Dabei schien das, was man in letzter Zeit aus dieser Partei hörte, eigentlich nicht eben dazu angetan, Wähler für sie einzunehmen: Wir erfuhren, dass führende Politiker der AfD in Mecklenburg darüber diskutierten, nach der Machtergreifung politische Gegner „aufs Schafott“ zu schicken, dass eine Spitzenkandidatin heimlich denkt wie eine Reichsbürgerin, dass der andere Frontmann den guten Björn Höcke zur „Seele der Partei“ zählt und für höhere Aufgaben empfiehlt.

Und doch werden nicht nur Nazis diese Partei wählen, sondern auch Deutsche, die dermaßen blind vor Wut sind, dass sie sogar den Leibhaftigen ankreuzen würden, wenn er auf dem Wahlzettel stünde, nur um den „Altparteien“ eins auszuwischen. Gelegentlich schreiben mir Leser, sie seien überhaupt nicht rechtsradikal, die AfD sei aber für sie die einzige Möglichkeit, ihren Zorn zu äußern. Mich überzeugt das nicht: Wer mit der Sozial- oder Russlandpolitik der Regierung nicht einverstanden ist, kann die Linke wählen. Die FDP kritisiert die Flüchtlingspolitik, ohne dabei fremdenfeindlich zu hetzen. Aber wer dennoch die AfD wählen will, der soll es eben machen! Vielen werden aber die Augen aufgehen, wenn sie sich nachher in den Fratzen, die sie selbst ins Parlament geschickt haben, gar nicht wiedererkennen.