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Bautzens schönster Exportschlager

Wehmütig bis wackentauglich: Silbermond stürzen am Elbufer sich selbst und 12 000 Fans ins Gefühlswirrwarr.

26.08.2017
Von Tobias Hoeflich

schönster Exportschlager
Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß hatte wenig Mühe, den 12000 Fans am Elbufer einzuheizen.

© Ronald Bonß

Muss sich der Kaiser Sorgen machen? Noch thront Roli mit vier ausverkauften Shows unantastbar am Dresdner Königsufer. Doch Silbermonds Gastspiel am Freitag und Sonnabend ist eine Bewerbung für die Nachfolge. Zwei Shows, zweimal ausverkauft, 24 000 Besucher: Und das, obwohl das letzte Album der Poprocker schon zwei Jahre alt und der letzte Auftritt am Elbufer erst ein Jahr her ist. Die Masse tobt an diesem Freitag, ehe die Band überhaupt auf der Bühne steht. Dafür genügen allein die ersten Takte des Songs „Intro“ aus dem jüngsten Album „Leichtes Gepäck“. Frontfrau Stefanie Kloß überrascht sogleich, als sie auf der Empore gegenüber der Bühne zu singen beginnt und sich den Weg durch die Menge zu ihren Bandkollegen bahnt.

Letztlich ist Silbermonds Auftritt aber kein Gast-, vielmehr ein Heimspiel. Zwar hat es die aus Bautzen stammende Band längst nach Berlin verschlagen. Trotzdem hat das Quartett kein Problem damit, als sächsische oder Bautzener Band betitelt zu werden. Im Gegenteil: Auch Freitag betonen sie immer wieder ihre sächsische Herkunft. „So toll, dass ihr zu uns in die Heimat gekommen seid!“, ruft Kloß der Masse entgegen. In Bautzen machten sie ihre Anfänge, sagte sie jüngst in einem Interview mit der Morgenpost: „Wir haben alles abgegrast, was ging, von Görlitz bis Chemnitz, wir haben überall gespielt in Sachsen. Deswegen sind wir eine sächsische Band!“

Eine, auf die Bautzen stolz sein kann. Gerade in Zeiten, da das Image der Stadt angeknackst ist. Brandanschlag auf ein Asylheim, Krawalle auf dem Kornmarkt, NPD-Kontakte des Vize-Landrats: Bautzen findet nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Silbermond setzen sich damit nicht in ihren Texten auseinander, beziehen aber dennoch immer wieder Stellung gegen rechtsextreme Umtriebe. Beim Tourauftakt in ihrer Heimatstadt 2016 forderte Kloß nach dem Brandanschlag Toleranz und Zusammenhalt. „In der Demokratie gibt es Regeln. Dazu gehört auch, keine Häuser anzuzünden. Und wer sich daran nicht hält, ist falsch hier.“

Am Elbufer bleibt die Band aber unpolitisch. Stattdessen zeigen Silbermond gleich zu Beginn, dass sie nicht die Softrocker sind, wie man sie durch Balladen wie „Sinfonie“ oder „Das Beste“ aus dem Radio zu kennen glaubt. Ob das groovige „Lass mal“ oder das rockige „Meer sein“: Der Bass wummert ordentlich, während das Stroboskoplicht durch den lauen Sommerabend flackert. Beim Stück „Keine Angst“ käme wohl nicht einmal ein Besucher des Metal-Festivals in Wacken umhin, sein wallendes Haar im Takt durch die Luft zu wirbeln.

Trost durch Applaus

Doch freilich bleibt auch Platz für die leisen Töne. Wenn die Frontfrau etwa vor dem Stück „Das Leichteste der Welt“ mit Tränen in den Augen von einer Trennung erzählt und das Publikum feinsinnig Trost durch Applaus spendet. Oder wenn sich Kloß dankbar zeigt, nach fast zwei Jahrzehnten des gemeinsamen Musizierens noch immer mit ihren Bandkollegen auf der Bühne zu stehen. „Wir sind damals in einer kleinen Stadt gestartet, die heißt Bautzen. Es konnte ja keiner ahnen, dass es so läuft, wie‘s läuft.“ Heißt: fünf Alben, über fünf Millionen verkaufte Tonträger, Spitzenplätze in den Charts. „Es ist der Wahnsinn: Wir stehen hier immer noch zusammen. Egal ob damals im Proberaum in Bautzen oder heute im Proberaum: Es ist immer noch das gleiche Gefühl.“

Das emotionale Auf und Ab setzt sich indes fort. Malträtierte Gitarrist und Kloß’ Partner Thomas Stolle eben noch die Saiten mit einem ausgiebigen Solo zu „Heut hab ich Zeit“, wird es danach mit dem Stück B 96 wieder sentimental. Ein Lied, das der Bundesstraße gewidmet ist, die sich um Bautzen herum windet. Dann darf aber wieder gefeiert werden, etwa zu dem rockigen Stück „Indigo“, bei dem Kloß auf Händen getragen über die Zuschauerköpfe hinwegschwebt und einmal mehr das Bad in der Menge genießt.

Weil das vorwiegend junge Publikum auch nach zwei Stunden noch nicht nach Hause will, setzen Silbermond mit den bekannten Songs „Leichtes Gepäck“ und „Durch die Nacht“ einen drauf. Zudem halten sie mit „Meine Besten“ ein neues Lied als Überraschung bereit, ehe sie mit „Zeit zu tanzen“ den Schlusspunkt setzen. Ein Feuerwerk schießt schließlich in den Himmel über Dresden – wie es auch zur Kaisermania gehört. Noch denkt der Kaiser nicht ans Abdanken, kommt auch nächstes Jahr viermal als Elbufer. Ob Silbermond sich ihr Heimspiel entgehen lassen?