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Mittwoch, 15.02.2017

Bausteine des Lebens und des Sterbens

Im Deutschen Hygiene-Museum Dresden wird die Zellteilung auf Trab gebracht – und Gläserne Viren machen der Gläsernen Frau Konkurrenz.

Von Birgit Grimm

Anfassen ist erlaubt, Mitdenken und Debattieren sind ausdrücklich erwünscht im Deutschen Hygiene-Museum Dresden.
Anfassen ist erlaubt, Mitdenken und Debattieren sind ausdrücklich erwünscht im Deutschen Hygiene-Museum Dresden.

© oliver killig

So eine Dauerausstellung ist auch nur ein Mensch, könnte man kalauern. Sie muss regelmäßig auf Herz und Nieren überprüft werden. Stimmt der Blutdruck noch? Ist ein neues Hüftgelenk vonnöten oder eher eine neue Brille? Eine kosmetische Behandlung, da war man sich im Team des Deutschen Hygiene-Museums Dresden einig, ist nicht genug. Die Dauerausstellung „Abenteuer Mensch“ war im März 2004 eröffnet worden – nah am Puls der Zeit und so zeitlos wie möglich. Seitdem sind nicht nur Heerscharen von Besuchern durch die Schau gepilgert. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Genderthemen bringen fortlaufend neue Aspekte in die gesellschaftspolitische Debatte. Die Beiträge des Hygiene-Museums dazu werden deutschlandweit aufmerksam wahrgenommen: in Sonderausstellungen und in der Dauerschau, die für die Museumsleute tatsächlich ein lebendiger Organismus ist und so wenig für die Ewigkeit gemacht wie das wahre Leben.

Es war an der Zeit, das Thema „Leben und Sterben“ neu zu justieren. Weg von der vorrangig biologischen Draufsicht auf den Menschen, auf seine inneren Organe, auf die Krankheiten, die Mühsal des Alters und den Tod. Hinwendung zu den Fragen, wann das Leben beginnt und wie es endet. „Die Ausstellung will daran erinnern zu leben“, sagt Gisela Staupe, stellvertretende Museumsdirektorin und Kuratorin der Neugestaltung. Ihr Team hat den Räumen optisch und inhaltlich eine Frischzellenkur verpasst. Viele der bekannten Exponate aus dem eigenen Haus wurden in neue Zusammenhänge eingeordnet. Neue Exponate berichten von neuen Forschungsergebnissen und erzählen zugleich überraschende, witzige, berührende Geschichten. Die kurze Reise durch ein langes Menschenleben ist anschaulich und emotional. Anfassen ist erlaubt. Mitdenken, Streiten, Debattieren ausdrücklich erwünscht.

So heißt die erste Abteilung nicht mehr „Geburt“, sondern „Das Leben beginnt“ und rückt die schwangere Frau, das ungeborene Kind und ethische Debatten darum, wann das Leben beginnt, in den Fokus. Der letzte Abschnitt heißt „Das Leben endet“. Ein Mensch wird geboren, und ein Mensch stirbt. Die Geburt ihrer Kinder erleben längst auch viele Väter mit. Doch wer weiß schon, was in einem Menschen physisch und psychisch abläuft, wenn er von dieser Welt geht? Wer hat den Mut und die Kraft, am Sterbebett eines Angehörigen zu sitzen? Während das Geburtsvideo permanent an einer Ausstellungswand zu sehen ist, muss der Besucher sich an eine Medienstation setzen und selbst entscheiden, ob er einem alten Mann beim Sterben zusehen und zuhören möchte.

Bis dahin hat er jede Menge schwangere Frauen und jede Menge Embryos in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gesehen. Man staunt und glaubt es kaum, dass noch im Jahr 1960 ein in einer Zeitschrift veröffentlichtes Foto einer Schwangeren einen Skandal auslöste. Sie war nicht einmal nackt!

Wer wissen will, wie Leben entsteht, muss sich mit dessen kleinsten Bausteinen, den Zellen, beschäftigen. 30 Billionen davon hat der Mensch. Wie viele braucht man, um das perfekte Kind im Reagenzglas zu zeugen? Wie weit sind die Zellforscher schon vorangekommen? Die Debatte ist längst eröffnet. Wer mitreden will, findet Argumente im Hygiene-Museum.

Doch auch für Menschen, die nicht in der Lage sind, über solche schwerwiegenden Themen zu streiten, ist die Ausstellung gemacht. Manche Zelle ist sehr viel größer als in der Natur, bunt und mit einer Oberfläche, auf der man die kleinen Unterschiede ertasten kann.

Viren sind die Stars der neugestalteten Räume. Sie glitzern verführerisch und machen der Gläsernen Frau ernsthaft Konkurrenz. Der britische Künstler Luke Jerram hat die Erreger für Krankheiten wie Aids, Pocken oder Ebola aus Glas gestaltet. Faszinierende Objekte sind das, schön und gefährlich. Aber Krankheiten gehören zum Leben, und manche enden tödlich. Doch wer bestimmt eigentlich, was krank ist? Wie kann ich gesund bleiben? Neben aufwendig restaurierten Moulagen mit Krankheitsbildern aus der eigenen Sammlung bestaunt man kuriose und alltägliche Objekte, mit denen man sich selbst kasteien oder sich selbst Gutes tun kann. In welche Kategorie die vorsintflutlichen Laufschuhe gehören, mag jeder selbst entscheiden.

Das Altwerden beschreibt die Schau als dritten Lebensabschnitt, getreu dem Motto: Siebzig ist die neue Fünfzig. Wie alt sich eine(r) fühlt, entscheide er bitte selbst. Positiv zu denken macht Freude. Aber für ein Miteinander im wahren Leben ist es nicht so verkehrt, dass junge Leute im Hygiene-Museum nach wie vor am Alterssimulator ausprobieren können, wie es sich anfühlt, schlecht zu sehen und schwer zu hören. Auf eigene Gefahr, ja wie denn sonst?!

Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1. Geöffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 8/4 Euro.