erweiterte Suche
Montag, 15.05.2017

Ausfuhrverbot für Meissener Porzellan-Kasper

Das einmalige Stück muss in Großbritannien bleiben. Seine abenteuerliche Geschichte ist mit der Nazizeit verbunden.

Von Peter Anderson

Ermöglicht einen Blick in die frühesten Anfänge der europäischen Porzellan-Herstellung in Sachsen. Der italienische Hanswurst „Pulcinella“ stammt aus den Jahren 1710 bis 1713 und wurde noch kalt bemalt. Die Farben sind demnach nicht gebrannt. Er besteht aus Böttgersteinzeug.
Ermöglicht einen Blick in die frühesten Anfänge der europäischen Porzellan-Herstellung in Sachsen. Der italienische Hanswurst „Pulcinella“ stammt aus den Jahren 1710 bis 1713 und wurde noch kalt bemalt. Die Farben sind demnach nicht gebrannt. Er besteht aus Böttgersteinzeug.

© Department for Culture, Media and Sport/UK

Meißen. Der Lack ist schon ein wenig ab. Unter dem blau-weißen Hemd des rund 16 Zentimeter hohen Hanswurst schimmern kleine Flecken brauner Haut hindurch. Genau das macht ihn so interessant und weckt bei Museen und Porzellan-Sammlern Begehrlichkeiten. Bei dem aus der Figurengruppe des italienischen Volkstheaters Commedia dell’arte stammenden Pulcinella handelt es sich eben nicht um eine Spielfigur aus Elastolin. Stattdessen ist mit ihm ein extrem rares Stück Böttgersteinzeug, dem Vorgänger des weißen Meissener Porzellans, aus einer bislang unbekannten Privatsammlung auf dem britischen Kunstmarkt aufgetaucht.

In einem der SZ vorliegenden Gutachten der Kunstagentur Arts Council England heißt es, der Pulcinella besitze eine „außergewöhnliche künstlerische Bedeutung.“ Bemalt wurde er mit sogenannter kalter, das heißt ungebrannter Farbe. Das Verfahren fand nur in den experimentellen Anfängen der sächsischen Porzellanproduktion Anwendung. Als möglicher Schöpfer des Modells für die Figur wird in der Expertise der Zwinger-Bildhauer Balthasar Permoser vermutet. Mit seinem frühen Entstehungsdatum gilt der Pulcinella als einer der Urväter der europäischen Porzellan-Figuren überhaupt und im Speziellen der sehr erfolgreichen Serie von Figuren der Commedia dell’arte. Unter diesen Umständen erfüllt das Kunstwerk mindestens zwei wichtige Punkte, um seine Ausfuhr aus Großbritannien zu untersagen.

Genau diesem Vorschlag des Arts Council ist jetzt auch das zuständige britische Kulturministerium gefolgt. Es bestehe das Risiko des Exportes aus Großbritannien für das historische Meissener Porzellan-Stück, sollte nicht ein heimischer Käufer für den Preis von knapp 320 000 Euro gefunden werden. Zunächst befristet bis 1. Oktober dieses Jahres sei daher ein Ausfuhr-Stopp verhängt worden, heißt es in einem offiziellen Statement. Dieser könne bis zum 1. Januar 2018 verlängert werden, sollte ein ernstes Interesse nachweisbar sein, die Figur für den empfohlenen Preis zu erwerben und damit auf der Insel zu halten.

Spannend ist die Geschichte des mit der typischen schwarzen Halbmaske ausgestatteten Hanswurst nicht nur, weil es sich um einen Prototyp handelt. Abenteuerlich sind zudem die Pfade, auf denen er nach England gelangte. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte der kleine Mann aus braunem Böttgersteinzeug zur Sammlung der Hamburger Bankierswitwe Emma Budge. Ihr Mann Henry Budge hatte nach Angaben des in Hamburg ansässigen Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Amerika als Teilhaber eines Bankhauses ein Millionenvermögen erworben. Vor allem Eisenbahnfinanzierungen ließen ihn reich werden. Nach dem Rückzug aus der Geschäftswelt und der Heimkehr nach Deutschland baute sich das Ehepaar ab 1903 eine wertvolle Sammlung mit Porzellan, Gemälden und Kunstschätzen auf. Ursprünglich verfolgte Emma Budge den Plan, das gemeinsame Lebenswerk der Stadt Hamburg zu vererben. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bestimmte sie jedoch die amerikanische Regierung oder ersatzweise die jüdische Gemeinde Hamburg zum Erben. Dieser Wille wurde von den Nazis ignoriert. Nachdem das Berliner Auktionshaus Paul Graupe die Sammlung des Hamburger Millionärsehepaars 1937 versteigert hatte, landete der Erlös einem Artikel des Londoner Antiquitäten-Magazins Antiques Trade Gazette zufolge auf einem geblockten Konto der M. M. Warburg-Bank. Die ursprünglichen Stiftungszwecke blieben unbeachtet.

Auf welchem Weg der Pulcinella anschließend nach Großbritannien gelangte, liegt bisher im Dunkeln. Die Antiques Trade Gazette spekuliert in ihrem Artikel vom Montag dieser Woche darüber, dass ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde 1938 mit der Figur aus Deutschland entkommen konnte.

Ein Kaufinteresse an dem einmaligen Kunstwerk wird von dem gleichen Magazin dem Museum of Fine Arts im amerikanischen Boston (MFA) zugeschrieben. Bestätigt wird dies durch einen ähnlichen Bericht in der liberalen Tageszeitung Boston Globe aus Massachusetts vom Ende vergangener Woche. Der Globe schreibt, das MFA habe sich mit den Nachlassverwaltern von Emma Budge geeinigt, sieben Figuren der Commedia dell’arte aus namhaften europäischen Manufakturen für eine nicht genannte Summe zu erwerben. Sechs der Figuren zählen bereits seit 2006 zum Bestand des Museums. Der Steinzeug-Pulcinella soll offenbar folgen. Schon seit Jahren wurde über eine Entschädigung für die nie ausgezahlte Verkaufssumme aus der Berliner Versteigerung von 1937 verhandelt. Die in Europa und den USA lebenden Erben von Emma Budge seien sehr glücklich mit diesem Ergebnis, so Rechtsanwalt Melvyn Urbach, welcher die Nachkommen vertritt.