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Augen auf beim Autokauf

Ausgerechnet bei Fragen zur Politik scheint der Fachverstand von Experten wenig wert zu sein.

13.10.2017

 beim Autokauf
Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt.

© ronaldbonss.com

Mich haben Autos nie interessiert. War ein neues fällig, ließ ich mich beraten. Meine geringe Urteilskompetenz in Autofragen gebe ich jederzeit zu. Besseren Autosachverstand anderer respektiere ich neidlos. Also lasse ich mich gern durch Kenner belehren, selbst wenn gar keine Entscheidung ansteht.

Politik aber hat mich schon immer interessiert. Ihre Regeln und Dynamik lernte ich verstehen durch jahrzehntelanges Beobachten des Tagesgeschehens und seiner Entwicklung. Auch durch jahrelanges Lesen über viele, höchst unterschiedliche politische Ordnungsgefüge aus Geschichte und Gegenwart. Zudem lernte ich mein Nachdenken über Politik und mein Erkunden politischer Vorgänge zu kontrollieren, nämlich mit dem Analyse- und Methodenwerkzeug der Politikwissenschaft. Und ich erlebe seit Langem, dass ich mich über Politik so selten täusche wie ein wirklicher Autokenner über die Leistungen eines Autos.

Merkwürdig ist nun, dass zwar ich keinerlei Schwierigkeiten habe, mich in Autofragen von Autokennern belehren zu lassen, dass aber auch die tollsten Autofachleute (oder gebildetsten Mediziner, Informatiker, Literaturwissenschaftler usw.) oft zögern, von meinen Kenntnissen über Politik profitieren zu wollen – und zwar selbst dann, wenn sie mich zuvor nach meiner Meinung über dies und jenes gefragt haben. Noch merkwürdiger kommt mir das in Gesprächen vor, deren Verlauf erkennen lässt, dass mein Gegenüber zum besprochenen Sachverhalt kaum mehr kennt als Einzelvorkommnisse und verallgemeinernde Vermutungen. Dass auch kein Wissen über ähnlich gelagerte Fälle da ist, mit dem man sich an solche Vergleiche machen oder diese immerhin nachvollziehen könnte, die allgemeine Zusammenhänge von zufälligen Einzelereignissen zu unterscheiden erlauben. Oder dass die fehlende Fähigkeit nicht einmal vermisst wird, sich zum eigenen Denken oder zum Zustandekommen des eigenen Wissens kritisch zu verhalten.

Ich frage mich dann, wie viel Mühe sich solche Leute wohl beim Kauf eines Autos geben. Oder für wie nebensächlich sie es ansehen, sich stichhaltige Ansichten über Politik zu bilden. Und wundere mich, dass sie ihre politische Meinung dann trotzdem mit einer Selbstgewissheit verteidigen, die mir bei der Begründung eines Autokaufs völlig fehlt. Wer macht da eigentlich was falsch?