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Donnerstag, 16.02.2017

Aufstieg und Fall von Reclam Leipzig

Der Verlag erlebte eine spannende, verzwickte Geschichte – und öffnete in der DDR manches Fenster zur Welt.

Von Michael Wüstefeld

Zur DDR-Boheme gehört die Pfeife: Verleger Hans Marquardt schaut seinem Starautor über die Schulter. Stephan Hermlin, Kommunist und Ästhet, signiert 1979 beim 1. Leipziger Buchmarkt sein autobiografisch gefärbtes Buch „Abendlicht“, das viele Diskussionen auslöste.
Zur DDR-Boheme gehört die Pfeife: Verleger Hans Marquardt schaut seinem Starautor über die Schulter. Stephan Hermlin, Kommunist und Ästhet, signiert 1979 beim 1. Leipziger Buchmarkt sein autobiografisch gefärbtes Buch „Abendlicht“, das viele Diskussionen auslöste.

© Helfried Strauß

Die Universal-Bibliothek, kurz UB, ist universeller Begleiter in allen Lebenslagen, facettenreicher Wissensspeicher und Kulturspender. Wegzehrung in Sachen Literatur. Erschwinglich für jedefrau und jedermann. Wer aber weiß zwischen Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart zu unterscheiden? Nahezu fünfzig Autoren – ehemalige Lektoren, Übersetzer, Schriftsteller und Germanisten – fächern jetzt den phönixgleichen Aufstieg und den unverschuldeten Fall des Leipziger Verlages auf.

Wolfgang Thierse, pensionierter Bundestagspräsident, verrät in seinem Vorwort, dass er ungefähr 200 Bände von Reclam Leipzig in seiner häuslichen Bibliothek zu stehen hat, erworben in 30 DDR-Jahren. Das macht 6,66 Bücher pro Jahr, was für einen „Angehörigen der Intelligenz“ nicht viel ist. Aber immerhin. War es doch alles andere als einfach, die Buchhändler dazu zu bringen, sich tief unter ihre Ladentafel zu bücken, wo die begehrte Ware sinnbildlich lag. Und die Leipziger haben mehr von der sogenannten „Bückware“ produziert als gemeinhin angenommen wird.

Start mit Goethes „Faust“

Vor 180 Jahren, also 1837, gründet Anton Philipp Reclam in Leipzig den Verlag seines Namens. Dreißig Jahre später eröffnet Goethes „Faust“ als Band 1 die Universal-Bibliothek, in der fortan jährlich 140 Nummern erscheinen. Schwere Kriegsschäden an Verlagsgebäuden und Druckereien, Nachkriegsdemontagen im Rahmen sowjetischer Reparation sowie drohende Enteignungen zwingen die „Buchstadt“ Leipzig und ihre Verlage 1945 fast zu Boden. Obwohl viele Verleger mit ihren berühmten Namen in Richtung Westen abwandern, entwickeln sich merkwürdige Doppelexistenzen. Bald gibt es Brockhaus, Insel, List, Kiepenheuer und andere in Ost und West.

Auch der Reclam Verlag gründet sich 1947 in Stuttgart als GmbH neu, und Alt-Eigentümer Ernst Reclam verlässt den Osten. Die Sowjetische Militäradministration beschließt, in ihrer Besatzungszone nur fünf von einst 300 Privatverlagen zur Produktion zuzulassen. Reclam gehört dazu und erhält 1946 die Lizenz. Im selben Jahr erscheinen neben einigen Titeln aus der Produktion vor 1945 sieben neue UB-Bände; die Autoren: Lessing, Goethe, Schiller, Heine, Mörike, Gogol und Puschkin.

Die ebenso verzwickte wie spannende Geschichte um Reclam Leipzig – ein Unikum unter den DDR-Verlagen, nur ganz kurz Volkseigener Betrieb, ansonsten treuhänderisch mit staatlicher Beteiligung geführt – wird im vorliegenden Buch von allen denkbaren Seiten aufgezeigt. Dabei nehmen die Jahrzehnte von 1953 bis 1987, in denen Hans Marquardt Cheflektor und dann Verlagsleiter war, den größten Raum ein. Unter Marquardts Regie und dank seiner vorzüglichen Lektoren werden nicht nur literarische Erstausgaben aller Genres forciert, sondern auch philosophische, kulturhistorische und soziologische Texte in Einzelausgaben und Sammlungen präsentiert. Ganz zu schweigen von den hochwertigen, für den größeren Geldbeutel gedachten Ausgaben mit zum Teil originalen Zeichnungen, Radierungen und Kupferstichen von über 100 Malern; darunter Josef Hegenbarth, Max Schwimmer, Hermann Naumann, HAP Grieshaber und Nuria Quevedo. Viele Eigenheiten und Besonderheiten des legendären Verlegers Hans Marquardt (1920 – 2004) werden zu Recht hinterfragt und durchleuchtet, allerdings hätte auf die Kommentierung seiner Verbindungen zur Staatssicherheit an dieser Stelle verzichtet werden können.

In jedem Fall interessanter als die weitverzweigte Reclamgeschichte sind die Erscheinungsgeschichten, die sich um einzelne Bücher ranken. Erinnert wird an erste Publikationen der Schriften von Ernst Bloch, Walter Benjamin und Hans Mayer, für die mitunter jahrelang gekämpft werden musste. Erklärt wird, was der Band „LTI“ von Victor Klemperer für DDR-Leser bedeuten konnte. Erzählt wird, weshalb Reiner Kunzes „Brief mit blauem Siegel“ beinahe nicht angekommen wäre. Was es mit den zwei verschiedenen Auflagen der „Akte Endler“ auf sich hat. Wieso das erste und einzige DDR-Buch von Wolfgang Hilbig zur Sonderedition wurde. Warum der Wettlauf um ein erstes Buch von Günter Grass in der DDR mit „Das Treffen in Telgte“ gewonnen werden konnte und wieso ein von Uwe Johnson geschriebenes Nachwort zu Jean Paul erst als verloren galt und dann doch wieder aufgetaucht ist.

Diese oft persönlich gehaltenen Texte sind das Salz in der bisweilen verwissenschaftlichten Buchstabensuppe. Zu denken, einzig und allein Reclam habe „an den Grenzen des Möglichen“ gehandelt, täuscht darüber hinweg, dass auch andere DDR-Verlage etwas gewagt und für viel Stoff im „Leseland“ gesorgt haben. Man erinnere sich nur an die Ausgaben von Sigmund Freud und Arno Schmidt sowie die „Weiße Reihe“ bei Volk und Welt, an Kafka bei Rütten & Loening, an die Autorenriege Becker, Fühmann, Plenzdorf und Schlesinger bei Hinstorff, an Bücher von Christoph Hein, Günter Kunert und Christa Wolf bei Aufbau, an das „Poesiealbum“ im Verlag Neues Leben, an die Essayistik in der Gustav Kiepenheuer Bücherei.

Mit der Reprivatisierung von Reclam Leipzig 1992 wurde das einstige Stammhaus zur Tochtergesellschaft von Stuttgart. Als Reclam Bibliothek, ohne „Universal“, kämpften die Leipziger noch bis 2006. Dann war Schluss. Ein Schicksal, das beinahe alle DDR-Verlage mit Reclam teilten. Schade, dass dieses Kapitel im Buch ausgespart und mit dem Satz abgetan wird: „Die Aufarbeitung der Ursachen, die zur Schließung der Leipziger Niederlassung führten, bleibt weiterer Forschung vorbehalten.“

Ingrid Sonntag, die Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag Halle und im Kiepenheuer Verlag Leipzig war, hat dieses geschichtsträchtige Kompendium konzeptionell gebündelt. Sie zeichnete auch verantwortlich für die Bücher „Heimliche Leser in der DDR“ sowie „100 Jahre Kiepenheuer-Verlage“. Während Personenregister, Autorenverzeichnis und zahlreiche Abbildungen das Buch vorteilhaft ergänzen, wird eine Übersicht zur Verlagsgeschichte in Form einer Zeittafel vermisst.

Ingrid Sonntag (Hrsg.): An den Grenzen des Möglichen. Ch. Links Verlag, 544 Seiten, 50 Euro

Diskussion zum Buch am 23. Februar, 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum Leipzig