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Donnerstag, 12.10.2017

Auf zum letzten Gefecht

Mord & more: Mit der monumentalen Serie „Babylon Berlin“ stemmt sich das deutsche Fernsehen auf Hollywoodformat.

Von Oliver Reinhard

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Straßenschlachten zwischen Arbeitern und Polizei, Mord, Intrigen, Verrat und andere Laster: Berlin war in den Zwanzigern in mehrfacher Hinsicht babylonisch.
Straßenschlachten zwischen Arbeitern und Polizei, Mord, Intrigen, Verrat und andere Laster: Berlin war in den Zwanzigern in mehrfacher Hinsicht babylonisch.

© Frédéric Batier/X Filme

Genau so muss Großkino sein: Während sich die schöne Verräterin auf der Ballsaalbühne zum Triumph emporsingt, stürmen „ihre“ Killer die Stufen eines nahen Kellers hinab und lassen die Maschinenpistolen rattern. Sekunden später ist die geheime Flugblatt-Druckerei samt Belegschaft vollständig durchlöchert. Ein Einziger vermag sich zu retten, durch einen beherzten Sprung ins Versteck, die Sickergrube eines Plumpsklos. Weil die Sängerin das nicht wissen kann, füllen sich ihre Augen im gleißenden Bühnenscheinwerferlicht derweil mit Tränen; der Drucker ist ihr Geliebter – selbst ihn hat sie ans Messer geliefert.

Das klingt schwer nach amerikanischer Gangsterballade und kommt in entsprechend hollywoodeskem Leinwand-Look daher. Es ist aber deutsches Historienpantoffelkino. Der Tatort liegt auch nicht im Chicago der Vierziger, vielmehr in der Hauptstadt der Weimarer Republik während der Zwanziger. „Babylon Berlin“ heißt das TV-Ereignis, eine von Sky Deutschland und ARD gemeinsam gestemmte Serie, die teuerste und ambitionierteste Heimproduktion aller Zeiten.

Viele Kritiker reagieren darauf, als hätten sie gerade höchstpersönlich einen Befreiungsschlag austeilen dürfen. Endlich, so der Tenor, kann das deutsche Fernsehen aufschließen zur Qualität der heißesten und einträglichsten Ware auf dem Weltmarkt, zu den großen, meist überwältigend produzierten US-Serien.

Am Freitag startet „Babylon Berlin“ auf Sky. Ende 2018 laufen die 16 Folgen in zwei Staffeln dann im Ersten. Die Reihenfolge mag irritierend klingen. Doch dass der Bezahlsender Sky die Produktion auswerten muss, bevor das Erste sie umsonst zeigt, versteht sich von selbst.

40 Millionen Euro für eine heimische Serie; obwohl sich einige Genre-Mehrteiler wie „Deutschland 83“ und „Weissensee“ auch im Ausland gut verkauften, bleibt das ein großes Wagnis. Vier Jahre lang haben es die Produktionsfirma X-Filme, die ARD und Sky vorbereitet, 180 Tage an 300 Orten gedreht und so viel investiert wie für 27 „Tatorte“. Doch die Chancen, dass sich das Risiko bezahlt macht, stehen mehr als gut; das internationale Interesse ist bereits jetzt sehr groß. Auch der US-Serienriese Netflix hat schon zugeschlagen.

Für die Nummer „relativ sicher“ kalkulierten die Serienväter mit mehreren Erfolgsfaktoren. Das fängt beim Stoff an, dem Bestseller „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher. Dessen komplexes Krimidebüt langt in diverse Aborte der Berliner Gesellschaft inklusive Sex, Drogen und anderer Laster, Arbeiteraufstände, Reichswehr-Machenschaften, Spionage, Verrat, auch in den Reihen der Polizei. Und vor allem: Sie bedient ein einheimisches Sujet, das national wie international am meisten zieht und von hiesigen Filmemachern auch bestens beherrscht wird. Nämlich deutsche Geschichte in unruhigen, düsteren, höchst bedrohlichen Zeiten, in diesem Fall zwischen niemals wirklich überstandenem Ersten und in Form des Nationalsozialismus bereits herandämmerndem Zweiten Weltkrieg.

Der Freund als größter Feind

Entsprechend seelenbrüchig ist der Held von „Babylon Berlin“, Gereon Rath, ein aus Köln an die Spree gezogener Kriminalkommissar, den Volker Bruch als nervösen Borderliner spielt. Eigentlich will Rath eine Erpressung im Porno-Milieu aufdecken. Doch schon bald findet er sich an der Seite der jungen Polizeiaushilfe und Prostituierten Lotte Lotte (Liv Lisa Fries) wieder in einem Spinnennetz aus Korruption, Mord, Intrigen sowie einem blutigen Kampf von Exil-Stalinisten gegen Exil-Trotzkisten. Und muss irgendwann erkennen, dass sein Freund sein größter Feind ist.

Enger als vermutet hält sich das Drehbuch an Kutschers sehr gelungenen Roman und fügt der Story passgenau anschlussfähige Szenen und dramatisierende Elemente hinzu; irgendwie wollen die zwölf Sendestunden ja auch gefüllt sein. So leidet der arme Gereon nun obendrein an einem typischen Weltkriegstrauma, den Zitter-Anfällen von Verschütteten, was er mithilfe gefährlicher Drogen zu verbergen sucht, weil er andernfalls als Polizist untauglich wäre. Dass es sich beim Opfer der Sex-Erpressung in „Babylon Berlin“ um den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer handelt, muss man – wie ein paar weitere etwas arg herbeibemühte Einfälle – wohl als Aufplusterei hinnehmen.

Die lässt sich indes verschmerzen, weil das Drehbuch- und Regietrio eine weitgehend famose Arbeit abliefert: Achim von Borries und Hendrik Handloegten sind versierte Kino- und „Tatort“-Könner, Tom Tykwer ist der einzige in Deutschland gebliebene Filmer, der mit internationalen Großproduktionen wie „Das Parfüm“, „The International“ und „Cloud Atlas“ hinlänglich bewiesen hat: Er kann Hollywood.

Das sieht man „Babylon Berlin“ durchweg an. Es fängt bei der unerhörten Ausstattung an und hört bei den – nicht nur für deutsche Verhältnisse – nahezu makellosen Animationen des alten Berlin nicht auf. Sämtliche Milieus, von der elendig verlausten Arbeiterwohnung über die Villen der Reichen bis zu den Vergnügungstempeln jener legendären Ära, sind mit großer Sorgfalt und Kunstfertigkeit gestaltet.

Manchmal drängt sich der Eindruck auf, „Babylon Berlin“ habe kaum noch etwas Hausgemachtes an sich – aber dem ist nicht so. Weil abgesehen vom Inhalt auch die Erzählweise durchaus deutsch ist, und zwar im besten Sinne. Auch wenn die eingangs beschriebene Szene aufs Gegenteil hindeutet: Tykwer, Borries und Handloegten gehen erstaunlich entspannt ans Werk. Sie lassen, in angebrachtem Vertrauen auf die Stärke des Plots, der mehrbödigen Geschichte und den Charakteren reichlich Entwicklungs- und Entfaltungszeit. Hetzen und Stressen war eh nie ihre Sache.

Sicher, es gibt Stellen, an denen platzt der Lack auch mal ab. Und lässt etwa unter dem gelungenen Äußeren von Figuren wie der schönen russischen Verräterin oder Berlins sinistrem Unterweltkönig eine Künstlichkeit durchschimmern, der man den unbedingten Designwillen der Regie dann doch sehr deutlich ansieht.

Vorstoß in neue Dimensionen

Ansonsten aber sind Oberfläche und Inhalt derart souverän aufeinander abgestimmt, dass man vor dieser Klasse unter all der Masse den Borsalino ziehen möchte. Ja, so etwas wie „Babylon Berlin“ gab es im deutschen Fernsehen noch nie. Und ja: Dieses Serien-Mammut stößt tatsächlich in völlig neue Dimensionen vor.

Dort dürfte es gleichwohl für lange Zeit ziemlich einsam bleiben. Weil die heimische Branche, anders als die der USA, Kraftakte von einer solchen Dimension nun mal nicht alle Jahre stemmen kann.

Folglich wird es wohl ein Weilchen dauern, bis ein annähernd ebenbürtiger Nachfolger von „Babylon Berlin“ ins deutsche Fernsehen kommt. Und wahrscheinlich noch länger, bis irgendeine babylonische Serie nicht vor allem durch ihr außergewöhnliches Format glänzt. Sondern auch durch eine wirklich außergewöhnliche Story statt „nur“ durch die Geschichte eines Nummer-sicher-Krimibestsellers.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Veit Schagow

    Zu dem Projekt ließe sich noch sagen, dass es aus der Haushaltabgabe gebührenfinanziert ist und zunächst nicht im öffentlich-rechtlichen TV aufgeführt wird, sondern auf dem Bezahlsender Sky.

  2. Bergfex

    @1. das bedeutet ja, auch im Rundfunk werden die Risiken und Kosten sozialisiert und Gewinne privatisiert!

  3. Sheldor

    @2. ist auf @1. Unvollständigkeit eingegangen ohne zuvor dessen Aussage zu verifizieren. Dieses Neuland von Internet aber auch.... Richtigerweise sollte bei @1. im ersten Halbsatz das Wort "auch" im Sinne von -dass es auch aus der Haushaltsabgabe gebührenfinanziert ist- eingefügt sein, so wie im 2 Halbsatz auch zutreffenderweise "zunächst" steht, im Sinne von -nicht mehr in diesem Jahr-. Ohne "auch" konterkariert sich @1. in seiner Aussage selbst.

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