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Montag, 14.05.2018

Auf dass die Welt nicht untergeht

Stammgast Gardiner und seine Ensembles ernten in der Frauenkirche für beseelte Bach-Kantaten riesigen Beifall. Sie zeigen: Der Thomaskantor hat noch Geheimnisse.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Sir Gardiner bei seinem Auftritt in der Frauenkirche.
Sir Gardiner bei seinem Auftritt in der Frauenkirche.

© Oliver Killig

Mit Sir John Eliot Gardiner gab sich am Freitag in der Frauenkirche ein ganz Großer die Ehre. Vier Kantaten von Johann Sebastian Bach bot der Altmeister der historischen Aufführungspraxis mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists dar und setzte gleich zu Beginn der Musikfestspiele ein hell strahlendes Glanzlicht. Das Publikum dankte mit langem, fast ehrfürchtigem Beifall für feinsinniges, beseeltes Spiel und mitreißenden, suggestiven Gesang.

Gardiner, seit Jahrzehnten und regelmäßig Gast der Festspiele, ist eine Instanz – vor allem, aber nicht nur bei Bach. Das Spektrum seiner Referenz-Aufnahmen reicht von Monteverdis Opern bis zu den Sinfonien von Brahms. Legendär sind freilich die Live-Mitschnitte der „Bach Cantata Pilgrimage“, mit denen er sich an authentischen Bach-Stätten den Kantaten widmete. Die CD-Serie, die auf Gardiners eigenem Label „Soli Deo Gloria“ erschien, erntete Lobeshymnen der Kritik und renommierte Preise.

Viele Komponisten, darunter Händel und eben auch Bach, fügten ihren Werken die lateinische Wendung „soli Deo gloria“ an, wörtlich: „dem alleinigen Gott die Ehre“. Diese Verbeugung ist nicht abstrakt. Als Bach-Kenner weiß Gardiner, dass Gott, so wie ihn Bach sah, auch in den Menschen wohnt, in ihren Gefühlen, Wünschen, Sehnsüchten. Der Brite, vor 75 Jahren in der südenglischen Grafschaft Dorset geboren, hat 2013 mit dem Buch „Music in the Castle of Heaven“ – deutsche Ausgabe: „Musik für die Himmelsburg“ – ein Bach-Porträt gezeichnet, das weit übers Biografische hinausgeht. Das macht vor der Analyse puren Handwerks nicht halt, ergründet aber vor allem die Melange aus Genialität und Demut, Zeitgeist und Zeitlosigkeit. Seit 2014 ist Gardiner Präsident des Leipziger Bach-Archivs.

Vieles in Bachs Schaffen liegt im Dunkeln oder wird von Auslegungen und Annahmen überlagert. Man bedenke, dass zahlreiche Werke verschollen sind. Wir kennen heute wohl nur zwei Fünftel der Bach-Kantaten – auch so schon ein riesiger Fundus. Bach zu spielen, bedeutet immer Deutung und Annäherung, und Gardiner ist bekannt dafür, dass er Quellenforschung und das Gespür für den Ausdruckswillen Bachs kongenial zu vereinen weiß. In der Frauenkirche begann er mit der Kantate „Wachet! Betet …“, die 1723 in Leipzig entstand, aber auf ein früheres Werk aus der Weimarer Zeit zurückgeht. Markante Trompetenpassagen verleihen ihr etwas Feuriges, Signalhaftes. Bariton Matthew Brook und Countertenor Reginald Mobley loteten die Furcht vor Weltuntergang und Jüngstem Gericht und die Hoffnung auf ewigen Frieden stimmgewaltig und hochemotional aus.

Die Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ von 1714 stammt aus den Weimarer Tagen. Sie klang hier, mit ihren kantablen Oboensoli und den subtilen Gesängen, zwar traurig, aber nicht resignativ.

Mit „Jesu, der du meine Seele“ war dann ein komplexes, stilistisch besonders abwechslungsreiches Werk zu hören, mit machtvollen Chorpartien, elegischen Flötensoli und auf die Basso-continuo-Gruppe reduzierter straffer Begleitung aus Fagott, Cello, Kontrabass und Orgel.

Der Höhepunkt war die Kantate „Wachet auf …“ von 1731, wohl auch, weil Bach hier instrumentale Gesänge von Solovioline und gleich drei Oboen mit den Stimmen der Vokalsolisten besonders anrührend verschmilzt. Die Duo-Arie von Sopranistin Mary Bevan und Bariton Alexander Ashworth – „Mein Freund ist mein! – Und ich bin sein!“ – war zum Niederknien. Als zur Zeile „Und meine Rechte soll dich küssen“ hoch droben die Frauenkirchenglocke schlug, als könne sie nicht anders, ging ein bewegtes Lächeln durchs Publikum.

Bach, so zeigte Gardiner einmal mehr, hat eine Kunst erschaffen, die etwas Ewiges und Großes direkt ins Herz zu senken vermag. Ein wundervoller Abend.

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