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Montag, 09.10.2017

Auch Porno ist das wahre Leben

Ob perfide Ärzte, miese Köche oder gern auch Außenseiter – der „Tatort“ aus München hat oft die stärksten Fälle und Sujets.

Von Bernd Klempnow

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Alles Banane? Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) unterhält sich am Set mit Pornodarstellern, während die sich unterm Tisch um ihre Standfestigkeit in der Drehpause kümmern.
Alles Banane? Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) unterhält sich am Set mit Pornodarstellern, während die sich unterm Tisch um ihre Standfestigkeit in der Drehpause kümmern.

© br/hagen keller

Erst mal durchatmen: Als der Münchner „Tatort“ am Sonntagabend endete und alle Beteiligten derangiert waren, brauchte es einen Moment, um als Zuschauer aus dieser TV-Welt aufzutauchen. Krass und offenbar auch genau war das Milieu des Krimis „Hardcore“ dargestellt worden.

Die Klärung des Mordes an einer Pornodarstellerin war unspektakulär, erschütternd war, was die Kommissare Batic und Leitmayr bei den Ermittlungen erfuhren: Es ging nicht um hilflose Frauen, die von mächtigen Pornoproduzenten gegen ihren Willen ausgebeutet werden. Denn mächtig sind die Produzenten keineswegs mehr. Zu stark ist die Konkurrenz der Amateurfilmer und Online-Portale.

Erstaunlich: Die meisten Porno-Sternchen und Laien-Darsteller aus konventionellen Berufen agieren vor der Kamera nicht wegen des Geldes, sondern des Kicks – auch auf die Gefahr hin, erkannt zu werden. Die extreme Fallhöhe zwischen Porno- und „normaler“ Welt, manch trefflicher Wortwitz und schräge Szenerie sowie so überzeugend wie lange nicht mehr spielende Mimen, machten den Film zum intensiven und düsteren Fall.

Wieder einmal also ein maßstabsetzender „Tatort“ aus München. Es war der 77. seit 1991 mit Batic und Leitmayr. Wohl lösen die auch herkömmliche Verbrechen auf. Oft aber sind ihre Sujets genaue Milieu-studien, tauchen in Neben- und Scheinwelten ein, beobachten gesellschaftliche Entwicklungen. So waren sie mit die Ersten, die Gewalt unter Schülern, Medikamentenexperimente an Migrantenkindern, Missbrauch an Adoptivkindern aus Asien oder militante Tierschützer thematisierten.

Die Fälle beschäftigten sich mit Menschen, die nur zu gern an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Und sie beleuchten perfide Mechanismen in Branchen, vom Buchmarkt über die Sensationspresse bis zur Sterneküche. Der Münchner „Tatort“ ist fast immer mehr als nur spannende Unterhaltung am Sonntag.

Warum bietet das kaum ein anderes der 27 Teams dieses ARD-Flaggschiffs? Weil die Könner vom Bayerischen Rundfunk das Krimipotenzial des Alltags schätzen, statt Krudes zu konstruieren. Sie hinterfragen Klischees und Vorurteile, feilen an Handlung und Text, bis diese stimmig und unterhaltend sind. Und die Hauptakteure kommen, weil sie bei der Drehbuchentwicklung einbezogen sind, authentisch rüber. Ergo: Wer ko, der ko, weida so!

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Fritz

    Müssen die Bayern immer gelobt werden auch wenn es nicht gut ist.........was war da spannend, ich bin eingeschlafen.

  2. Berg

    Ich gestehe, meiner Frau gefolgt zu sein, die nach den Ankündigungen ihre bisherigen Fernseherwartungen beibehielt und sich nicht verpflichtet fühlte, intime Details fremder Leute in unserer Wohnung wahrnehmen zu müssen.

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