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Angst vor den Ängsten

Gerade vor der Wahl wäre es doch gut, wir alle würden auf Vernunft und Fakten setzen.

15.09.2017
Von Werner J. Patzelt

 den Ängsten
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Es ist schon erstaunlich, wie viele besorgte Bürger es inzwischen gibt. Die einen sorgen sich um die Auswirkungen der AfD-Präsenz im kommenden Bundestag, die anderen um weiterhin „zu starke Systemparteien“. Die einen belastet die Verrohung unserer politischen Debatten, die anderen deren inhaltliche Auszehrung. Den einen ängstigen Zuwanderer, den anderen Behauptungen dahingehend, es gäbe so etwas wie eine deutsche Kultur – und das wäre auch gut so. Den einen entsetzt das Fortdauern einer „Kanzlerinnendiktatur“, den anderen eine Regierung ohne Angela Merkel. Und die einen gruselt deutsches Führungsverhalten in Europa, die anderen die Uneinigkeit oder das Auseinanderfallen einer EU, um deren Zusammenhalt sich nicht gerade ein post-nationales Land wie das heutige – oder noch werdende – Deutschland kümmere.

Wie viel wird es zu besserer Politik beitragen, wenn wir uns lustig machen über Sorgen, die wir selber nicht teilen? Wem hilft wohl die Suche nach „wirklichen Interessen“ hinter nur „angeblichen Sorgen“? Wem nützt es, wenn Debatten mit jenen vermieden werden, deren Denken man selbst für falsch hält? Wie gut bringt es eine Demokratie weiter, wenn wir uns über Politikfehler oder Urteilsmängel einfach nur empören, sie aber nicht mitsamt dem Bemühen hinterfragen, eben durch Kritik und Streit ein Stück gemeinsamen Grunds zu schaffen? Und überhaupt: Was hat eine freiheitliche Ordnung wohl davon, wenn Andersdenkende routinemäßig beschimpft, versuchsweise eingeschüchtert, von Gegnern zu Feinden umgedeutet werden? Brächte da nicht das Beharren auf Vernunft und Fakten samt fairem Konflikt viel größeren Zugewinn?

Heute klingen viele Antworten hierauf anders als im Winter 2014/15. Damals wurde zum Aufregerthema und Sprengsatz unserer Diskurse, was – gerade auch dank ungeschickten Umgangs – bald schon im Bundestag repräsentiert sein und das Regieren erschweren wird. Gar nicht wenige haben inzwischen begriffen, wie kontraproduktive Verhaltensgebote damals durchgesetzt wurden. Manche wird auch die Leichtfertigkeit wurmen, mit der man damals in den Chor derer einstimmte, die Gutes wollten, doch ziemliche Übel aufkommen ließen. Hoffentlich machen wir da künftig vieles besser. Und im besten Fall tun das auch jene, die bald im Bundestag sein werden.