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Freitag, 15.07.2016

Angriff auf den Anstand

Immer noch jammern die ewig Unverbesserlichen über die „politische Korrektheit“. Dabei ist längst das Gegenteil erreicht.

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

© ronaldbonss.com

Wer auf der Internetseite von Amazon nach dem Begriff „politische Korrektheit“ sucht, dem werden folgende Bücher angeboten: „Politische Korrektheit. Von Gesinnungspolizisten und Meinungsdiktatoren“, „Moral für Dumme: Das Elend der politischen Korrektheit“, „Politische Korrektheit in Deutschland. Eine Gefahr für die Demokratie“ und so weiter endlos fort. Ist es nicht seltsam, dass die einzigen, die noch über politische Korrektheit reden, die Gegner der politischen Korrektheit sind? Dass eine Sache pausenlos mit bebendem Zorn und Todesmut attackiert wird, die überhaupt keiner mehr verteidigt? Was sind das für komische Eroberer, die in Scharen eine offene Tür einrennen und dabei jubilieren, sie hätten eine Festungsmauer durchbrochen? Besonders tapfere Recken sind die politisch Inkorrekten jedenfalls nicht. Während sie selbst gerne provozieren, polemisieren und pöbeln, reagieren sie umgekehrt auf Kritik äußerst empfindlich. So jammert etwa Jürgen Elsässer, der mit dem Magazin „Compact“ das aktuelle Leitmedium für den deutschen Trottel herausgibt, beständig über vermeintliche „Zensur“, hetzt aber selbst Kritikern Anwälte auf den Hals, um sie zum Schweigen zu bringen. Nicht anders macht es der verwirrte Wahnfriedensengel Ken Jebsen. Und der Kopftuchjäger Thilo Sarrazin wurde gar so heftig unterdrückt, dass er darüber Millionär geworden ist. So mundtot möchte ich auch mal gemacht werden! Indem sich diese Großmäuler zu Opfern stilisieren, möchten sie ihre Hetze unangreifbar machen. Die ganze Öffentlichkeit soll verrückt werden – und zwar nach rechts. Der Kampf gegen politische Korrektheit ist längst zu einem Angriff auf den Anstand geworden. Die sprachliche Verrohung, die von diesen Leuten ausgeht, ist eine Ursache für die Eskalation der Gewalt, die auch Professor Patzelt beklagt.

Was passieren kann, wenn es so weitergeht, ist zurzeit in Amerika zu beobachten. Donald Trump kann hemmungslos hetzen und lügen, dennoch wird er von Millionen bejubelt. Er erklärt Mexikaner zu Vergewaltigern, ruft seine Fans zur Gewalt auf und wirft Kritikerinnen vor, sie hätten wohl ihre Tage. Viele Leute sind begeistert – weil endlich einmal einer erfrischend offen dumm und bösartig ist. Von solchen Typen als politisch korrekt beschimpft zu werden, ist wahrlich eine Auszeichnung.