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Dienstag, 21.03.2017

Alles in allem

Die Staatlichen Kunstsammlungen wollen ihre Vermittlungsarbeit radikalisieren, auf dem Land und mit den Nachbarn wirken. Ob das die Besucherzahlen wieder steigen lässt?

Von Birgit Grimm

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Erich Heckel von hinten: Die „Steine“ malte er 1939 auf die Rückseite der Atelierszene von 1911, die im Albertinum zu sehen ist. Dresden bekommt mit diesem Bild nun also einen doppelten Heckel.
Erich Heckel von hinten: Die „Steine“ malte er 1939 auf die Rückseite der Atelierszene von 1911, die im Albertinum zu sehen ist. Dresden bekommt mit diesem Bild nun also einen doppelten Heckel.

© SKD

  • Erich Heckel von hinten: Die „Steine“ malte er 1939 auf die Rückseite der Atelierszene von 1911, die im Albertinum zu sehen ist. Dresden bekommt mit diesem Bild nun also einen doppelten Heckel.
    Erich Heckel von hinten: Die „Steine“ malte er 1939 auf die Rückseite der Atelierszene von 1911, die im Albertinum zu sehen ist. Dresden bekommt mit diesem Bild nun also einen doppelten Heckel.

Hat ein Museum nun schon „user“, wie es im Netzdeutsch heißt, oder immer noch Besucher? Es waren jedenfalls 2,1 Millionen Menschen, die im vorigen Jahr in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) gezählt wurden. „Das ist gut, könnte aber noch besser sein“, sagte Verwaltungschef Dirk Burghardt. Die Zehn- Millionen-Euro-Marke, die die SKD mit dem Ticketverkauf 2016 knacken wollten, haben sie knapp verfehl. Das hätte aber die Finanzierung eines geplanten Ankaufs auch nicht vorangetrieben. Es dauert wohl noch ein paar Monate, bis Erich Heckels berühmte „Atelierszene“, die ja schon lange im Albertinum zu bewundern ist, der Galerie Neue Meister gehört.

Um Besucher zu gewinnen, wollen die SKD „das Vermittlungsprogramm intensivieren und radikalisieren“. Generaldirektorin Marion Ackermann versteht das Museum als Ort der Demokratie, den der Besucher „so nutzen soll, wie er ihn braucht. Die Unerschöpflichkeit unserer Sammlungen ist das beste Mittel gegen Schwarz-Weiß-Malerei“, sagte sie auf der Jahres-Pressekonferenz am Montag.

Sie möchte Künstler „von überallher“ locken sowie die Zusammenarbeit mit Prag, Warschau, Budapest und der sächsischen Provinz intensivieren. Ein wichtiges Projekt für Görlitz nimmt konkret Gestalt an: Die Ausstellung „Alles in allem“ wird die Gedankenwelt eines deutschen Denkers an der Schwelle zum 17. Jahrhundert, des mystischen Philosophen Jacob Böhme, beleuchten. „Es wird eine faszinierende Inszenierung, ein begehbares Denkmodell“, kündigte die Generaldirektorin an. Ab 26. August ist die Schau in der Schlosskapelle zu sehen. 2018 wandert sie nach Amsterdam, dann nach Breslau, um etwa 2021 in Görlitz in der umgebauten Dreifaltigkeitskirche sesshaft zu werden.

Eine ständige Dependance der SKD in der Oberlausitz ist das Herrnhuter Völkerkundemuseum. Dessen Kustos Stefan Augustin geht nach vier Jahrzehnten engagierter Arbeit in den Ruhestand. „Selbstverständlich wird es in Herrnhut weitergehen“, versprach Frau Ackermann. „Wir haben eine sehr gute Lösung gefunden, aber können noch keinen Namen nennen.“

Dafür stellte sie auf der Jahrespressekonferenz die Doppelspitze für das „Archiv der Avantgarden“ vor: der Bayer Rudolf Fischer und der Brasilianer Marcelo Rezende werden ab April das Archiv leiten. Insgesamt neun Mitarbeiter soll das Archiv bekommen, dessen 1,5 Millionen Objekte der Berliner Sammler Egidio Marzona nach Sachsen schenkte. Eröffnung im sanierten Blockhaus soll 2019 sein. Das ist auch das Jahr, in dem endlich die sanierte Gemäldegalerie Alte Meister wieder komplett und erstmals die rekonstruierten Paraderäume im Schloss zu bewundern sein sollen. In der vorigen Woche überraschend geschlossen wurde das Münzkabinett im Schloss. Noch kennt man die Ursache für den Belag, der sich auf Silbermünzen und -Medaillen bildete, nicht. Einen bleibenden Schaden hätten die Exponate nicht genommen, sagte Direktor Rainer Grund. In der Schließzeit werden Schätze des Kabinetts an verschiedenen Orten und in anderen Kontexten präsentiert.

Ausstellungshöhepunkte dieses Jahres sind am 9. April die Eröffnung des Renaissanceflügels im Schloss mit der zweigeteilten Dauerschau „Macht und Mode“. Neue Bilder von Gerhard Richter sind ab 20. Mai im Albertinum zu sehen. Dort bekommen im Sommer auch „Geniale Dilettanten“ eine große Bühne, die Subkulturen der 1980er-Jahre in Ost und Westdeutschland.

Die Sparkassen-Finanzgruppe, Hauptförderer der SKD, hat ihr Engagement um drei weitere Jahre verlängert. Geld fließt auch in ein Rabattsystem, von dem Sparkassenkunden profitieren. Sie erhalten 25 Prozent Ermäßigung auf alle SKD-Tickets, auch für Sonderausstellungen. Die Testphase beginnt am 8. April und endet am 31. Dezember. In Essen ermöglicht die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung seit Juni 2015 freien Eintritt in die ständige Sammlung des Folkwang Museums. Die Besucherzahlen, vor allem die von Schülern, sind enorm gestiegen.