erweiterte Suche
Montag, 15.02.2016 Der Krimi am Sonntag

Alle sind irgendwie Wracks

Der „Tatort“ aus Ludwigshafen zeigt eine Welt, die nicht lebenswert ist. Muss das zum Sonntagabend sein?

Von Bernd Klempnow

3

Giften sich nur an und streiten um Kompetenzen: die in des Wortes alt aussehende Lena (Ulrike Folkerts,l.), das analytische, aber herzlose LKA-Ass Johanna Stern (Lisa Bitter) und der verwahrloste Kopper (Andreas Hoppe).
Giften sich nur an und streiten um Kompetenzen: die in des Wortes alt aussehende Lena (Ulrike Folkerts, l.), das analytische, aber herzlose LKA-Ass Johanna Stern (Lisa Bitter) und der verwahrloste Kopper (Andreas Hoppe).

© ARD

Marx hatte recht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das ist ein Fazit des „Tatorts: Du gehörst mir“ aus Ludwigshafen vom Sonntag. Wer diese charmefreie Industriestadt kennt, versteht, dass man dort durchdrehen kann. Entsprechend waren fast alle Protagonisten im aktuellen Fall – wie schon in früheren Filmen – entweder extrem brutal, dumm, verblendet, bindungsunfähig und/oder empathiearm. Keinen von denen will man freiwillig treffen, weder die Schurken, noch die Halbguten und schon gar nicht die Polizisten.

Klischeehaft schon der Start: Eine reizende Balletttänzerin im weißen Tutu träumt vom großen Auftritt. Umschnitt in ein Fitnesscenter, bekanntlich ein Hort der immergeilen Blöden. Kurz darauf der erste Mord: Ein Bodybuilder wird im Parkhaus getötet – zerquetscht. Doch dann die Überraschung: Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist der so schön gebaute Körper auch noch verkohlt. Trotzdem keine Träne um den Ermordeten. Schließlich hatte er die Balletttänzerin vergewaltigt und ins Koma geprügelt. Von nun an agierte eine Riege der gestörten Existenzen. Etwa die Blondine aus dem Fitnessstudio, die sich selbst beim Poppen filmte. Ein Rapper mit eingeschlagenen Zähnen, der Ficken mit Liebe verwechselte. Und natürlich die Täterin, die wie die Unschuld vom Land daherkommt, sich aber im Wahn ins Extreme steigerte. Nun, solche Typen kennt man aus vielen Krimis. Das Besondere am Ludwigshafener „Tatort“ ist, dass nicht nur ein, sondern alle Ermittler seit Jahren ordentlich Probleme haben. Sie sind nicht teamfähig, ihr Privatleben ist – selbst wenn die Fassade wie bei der LKA-Beamten Stern noch hält – ein emotionaler Schrottplatz. Deshalb machen sie Fehler und verhören Verdächtige und selbst Betroffene wie die Mutter des im Koma liegenden Mädchens oft schroff, anmaßend und ohne jedes Mitgefühl.

Natürlich ist das nur ein Film. Aber muss man sich zum Sonntagabend, noch dazu am Valentinstag, eine hässliche Stadt und eine Revue der Durchgeknallten ansehen? Sicher, das ZDF-Herz-Schmerzkino ist keine Alternative. Aber bei Arte gab es den starbesetzten, mit Oscar und Goldenem Bären preisgekrönten Streifen „Sinn und Sinnlichkeit“. Ergo: Beim Stichwort Ludwigshafen nicht nur einen Bogen um die Stadt machen, sondern auch um diese „Tatorte“ vom Rhein. Wenn die besser geworden sind, wird die SZ darüber berichten.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. L.Khan

    Stopp! An dieser Stelle muss ich intervenieren! Ludwigshafen am Rhein hat durchaus schöne Ecken zu bieten: Ebertpark und Parkinsel sowie die neue Rheingalerie und auch die Vororte haben durchaus Reizvolles zu bieten und die Menschen dort sind sehr nett und tolerant und nicht so tumb wie sie im Tatort dargestellt werden. LU nur mit der ChemicalCity der BASF gleich zu setzen wäre zu einfach. Zum Tatort: Das war nichts. Überzeichnete Klischee´s die man in jeder Stadt findet und Ermittler die so garnichts mit Poizeiarbeit am Hut haben. Jeder Polizeiruf 110 hat mehr Spannung zu bieten. Vielleicht sollte man sich bei der ARD mal eine Tatort - Denkpause gönnen. Denn die meisten der letzten Tatorte waren teilweise unterirdisch. Das schreibt euch ein Mannheimer.

  2. Beutesachse

    Welche Vielfalt soll ein Abendkrimi noch entwickeln, wenn 7 Tage der Woche spätestens ab 16:00 Uhr Leichen den Weg des Programms fast aller Kanäle pflastern. Bleibt bei durchschaubaren Handlungen (geübte Krimigucker kannten früh die Täterin) der Blick auf Menschen und deren Umfeld übrig. Der war doch recht gelungen. Richtig ist auch, dass die Streitereien zwischen den beiden Damen und dem Kollegen nicht nur der Kommissariatssekretärin, sondern wohl auch dem Zuschauer auf die Nerven geht. Tatort versucht die unterschiedlichsten Erwartungen zu erfüllen. Vom Bodensee über Wien bis nach Berlin. Von Verbrechen in der High Society bis zum Mord im Rotlichtmilieu. Vom Kommissar, der den Tod seiner Familie nicht verkraftet, bis hin zu den beiden Spaßvögeln aus Münster. Wer hier Filme wie „Sinn und Sinnlichkeit“ erwartet, sollte gar nicht erst einschalten und werter Verfasser des Artikels, er muss es auch nicht! Das Ganze nennt man Programmvielfalt. Übrigens, wir von Anspruch schreibt und im Fal

  3. Bernd Ringhof

    Einen Bogen machen kann man guten Gewissens um Rezensionen wie diese: Da hoppelt der Autor fröhlich von der „Gegenwart“ in die „Vergangenheit“ und wieder zurück, möchte am (Valentins-) Sonntagabend ein bißchen Kuschel-Krimi, und dann auch noch ….. Ludwigshafen ! Mag sein, daß der „Tatort“ einiges beansprucht: Daß die Darstellung der Spielorte ein objektives, ausgewogenes Bild von Land und Leuten abgeben wollte, ist spätestens seit „Tod im Häcksler“ widerlegt. Und wer sein Bild von deutschen Landen aus dem „Tatort“ bezieht, dem bleibt am Ende nur die Auswanderung – überall Mörder und andere Verbrecher ? Ja, ein typischer „whodunit“ war´s nicht. Na und ? Die Darstellung war überzeugend, die Beschreibung der aussichtslosen Situation „Hirntod“ unaufgeregt, aber mitfühlend, und am Ende nervt die Zickerei zwischen Odenthal, Kopper und Stern den Zuschauer, weil diese Zickereien eben nervig sind- sogar im richtigen Leben. Und Ludwigshafen? Ist eben Ludwigshafen. Auch am Valentinsonntagabend

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein