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Dienstag, 06.02.2018

Alle schon mal da gewesen?

Ein Historiker erzählt die Geschichte von Flucht und Integration seit dem Mittelalter. Das kann helfen, manche Probleme von heute etwas gelassener zu betrachten.

Von Michael Bittner

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Martin Luther auf der Flucht: Die Karikatur zeigt den Reformator und seine Frau Katharina von Bora, das Flugblatt feiert die Vertreibung der protestantischen Prediger aus Böhmen nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag im Jahr 1620.
Martin Luther auf der Flucht: Die Karikatur zeigt den Reformator und seine Frau Katharina von Bora, das Flugblatt feiert die Vertreibung der protestantischen Prediger aus Böhmen nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag im Jahr 1620.

© Abbildung: AKG Images

Was der Wiener Historiker Philipp Ther mit seinem Buch über die Geschichte von „Flucht, Flüchtlingen und Integration im modernen Europa“ beabsichtigt, bringt er klar selbst zum Ausdruck: „Besonders in Zeiten starker Umbrüche und Verunsicherung kann es erhellend sein, der Gegenwart den Spiegel der Geschichte vorzuhalten. Manche scheinbar unlösbaren Probleme erscheinen als lösbar, wenn man den Blick auf historische Erfahrungen richtet. Die medial vermittelten Aufgeregtheiten relativieren sich, wenn man weiß, dass alles – mehr oder weniger vergleichbar – schon einmal vorgekommen ist.“

Vertreibung der Muslime und Juden

Dass die Lektüre über weite Strecken kein Genuss ist, liegt nicht am Stil des Autors, der trotz wissenschaftlichem Anspruch verständlich und fesselnd schreibt. Es ist vielmehr der Inhalt, der den Leser niederschlägt: Er erblickt in immer neuen Varianten den unauslöschlichen Trieb der Menschen, sich zu Horden zusammenzuschließen, um Artgenossen, die anders aussehen, reden oder denken, zu vertreiben oder umzubringen. Ther gelingt es, die persönlichen Tragödien in diesen großen Katastrophen sichtbar zu machen, indem er immer wieder aus dem anonymen „Flüchtlingsstrom“ einzelne Geflüchtete heraushebt. So erzählt er etwa vom Schicksal von Hannah Arendt, Manès Sperber und dem Unteroffizier Conrad Schumann, dessen Sprung über den Stacheldraht der innerdeutschen Grenze als Foto um die Welt ging. Wenn Ther von der Hilfsbereitschaft berichtet, die Verfolgten in der Geschichte auch immer wieder zuteil wurde, scheint etwas Licht in der Finsternis auf.

Als Hauptursache von Flucht in modernen Zeiten wird der Versuch erkennbar, auf einem bestimmten Territorium religiöse, nationale oder politische Gleichartigkeit durch Zwang und Gewalt herzustellen. Einen schrecklichen Auftakt bildet die Vertreibung der Muslime und Juden von der iberischen Halbinsel nach der christlichen Reconquista, in der sich die Opfer erstmals nicht einmal mehr durch die Taufe vor der Verfolgung retten können. Glimpflicher ist verglichen damit das Schicksal der französischen Hugenotten, die als begüterte und gebildete Glaubensbrüder in protestantischen Ländern mit offenen Armen empfangen werden. Dasselbe gilt für viele politische Exilanten des 19. Jahrhunderts, die im Ausland als Freiheitskämpfer gefeiert und unterstützt werden.

Ähnlich gut ergeht es später den Flüchtlingen aus der Sowjetunion und dem Ostblock, die im Westen willkommen sind, weil sie als Beleg für die kommunistische Unterdrückung und die Überlegenheit der Demokratie dienen können. Aber die meisten Flüchtlinge haben weniger Glück, besonders die armen, unbeliebten und staatenlosen. So fallen viele Juden im Zweiten Weltkrieg dem Völkermord der Nationalsozialisten nur deswegen zum Opfer, weil die meisten Staaten ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge geschlossen halten.

Philipp Ther beschränkt sich aber nicht auf die historische Erzählung, sondern zieht aus der Geschichte auch Lehren für die Gegenwart. Generell falle die Integration von Flüchtlingen leichter, wenn eine religiöse, nationale oder politische Verbundenheit zur aufnehmenden Gesellschaft bestehe. Ein bloßer „Humanitarismus“ hingegen stehe auf schwachen Füßen, nicht nur, weil er die eigene Kraft überschätze, sondern auch, weil er auf einer „Asymmetrie zwischen seinen Trägern und seinen Objekten“ beruhe, Flüchtlinge also mitleidig als Opfer betrachte und nicht als mündige, gleichwertige Partner. In diesem Zusammenhang warnt Ther auch davor, bei der Integration allein dem Sozialstaat zu vertrauen, vielmehr gelte es, Eigeninitiative unter den Flüchtlingen zu fördern. Die Ziele der Integration sollten nicht einfach vorgegeben, sondern mit ihnen ausgehandelt werden.

Entgegen allen Ängsten

Entscheidend für eine gelingende Integration seien aber stets „die Einstellungen der Aufnahmegesellschaft und ihrer politischen Eliten“. Nichts schade der Integration mehr als Politiker, die sich Zuwanderer als Feindbilder nutzbar machten. Schnell komme so nämlich eine Abwärtsspirale von „Ausgrenzung und Selbstabschließung“ in Gang. Die besonderen Schwierigkeiten, die in dieser Hinsicht mit der Integration von arabischen Flüchtlingen in Deutschland verbunden sind, verschweigt Ther nicht. Der Optimismus, den er dennoch zeigt, ist bemerkenswert, gerade weil er nicht auf Blauäugigkeit, sondern auf historischer Einsicht beruht: „Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge (und andere Migranten) historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen.“

Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp-Verlag, 436 S., 26 Euro

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Tilo Bretschneider

    Wie aus der nachvollziehbaren Feststellung, dass alles schon mal dagewesen, dann die Hoffnung generiert wird, alles Derzeitige gelassener zu sehen, kann ich nicht begreifen. Die Regeln der Hordenbildung negativ zu beschreiben, ist völlig fehl am Platz, denn das Mammut war nun mal nicht im Alleingang zu erlegen. Die Vertreibung der Mohammedaner und Juden aus Spanien hat eine Jahrhunderte währende Vorgeschichte der Unterdrückung und Ungleichheit. Jedem Zurückdrängen europäischer Kolonialmacht wird dagegen wohlwollend der Charakter eines Befreiungskampfes bescheinigt. Die vielbemühte Toleranz hat eben nichts mit Beliebigkeit und Tollheit zu tun, sondern umreißt ganz klar den Bereich, in dem es funktioniert. Man kann aber auch eine Siebener Mutter auf eine Sechser Schraube mt den Fingern festziehen und meinen, es geht doch. Wer den überschüssigen Gleichstrom der muslimischen Welt einfach so in unser Wechselstromnetz einspeisen will, wird sich verbrennen und die Anlage zerstören.

  2. Frank U.F.

    Ausgerechnet ein Wiener. Seine Vorfahren dürften Glück gehabt haben, daß es Jan Sobieski gegeben hat. Jedenfalls war damals die Aufnahmebereitschaft der Wiener sehr schwach ausgebildet.

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