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Freitag, 17.11.2017

Affige Grenzen

Man würde ja den Artgenossen gerne helfen, aber im Warmen ist nun mal kein Platz für alle.

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Vor einer Weile schaute ich mir im Fernsehen eine Dokumentation über das Leben japanischer Schneeaffen an. Diese Makaken sind bekannt dafür, im Winter im Gebirge ausgiebige Bäder in den vulkanisch beheizten warmen Quellen zu nehmen. Stundenlang räkeln sich die Affen genüsslich in dem heißen Wasser – aber nicht alle: Es sind die Mitglieder der ranghöheren Familien der Horde, denen das Bad vorbehalten ist. Während sie es sich gut gehen lassen, rieselt der Schnee auf die rangniederen Tiere, die rings um die warme Quelle auf den frostigen Felsen sitzen. Äffische Grenzschützer achten am Beckenrand darauf, dass nur die richtigen Tiere ins Wasser gelangen, unbefugte Affen werden von den Wächtern durch Gebrüll und Bisse verjagt.

Ob den privilegierten Affen manchmal Bedenken kommen angesichts der Gewalt und der Ungerechtigkeit, für die sie verantwortlich sind? Vermutlich nicht. Ein schlechtes Gewissen ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl, das Hirn von Primaten stellt deswegen ganz zuverlässig erleichternde Gedanken bereit.

Einige der Affen im Glück werden glauben, der liebe Gott habe nun einmal ihnen und nicht den anderen ein günstiges Schicksal zugewiesen, weshalb schon alles ganz in der Ordnung sei. Andere werden darauf pochen, schon ihre Vorfahren hätten die Wärme genossen und an Traditionen müsse man unverbrüchlich festhalten, schon aus Respekt vor dem Bestehenden. Manche Affen dürften fest davon überzeugt sein, die Wärme im Becken sei einzig das hart erarbeitete Ergebnis ihres fleißigen Strampelns mit den Beinen. Wieder andere werden einander beständig versichern, ihr Blut sei wertvoller als das der Artgenossen jenseits der Grenze, der Sieg im Kampf ums Dasein im warmen Wasser beweise ja die eigene Tüchtigkeit. Solch ganz rohes Denken wird den bedächtigeren Tieren auf der warmen Seite allerdings unangenehm sein. Sie werden sich viel vernünftigere Erklärungen einfallen lassen und versichern, man würde ja gerne den Affen in der Kälte helfen, aber der Platz im Becken sei begrenzt und auch die Wärme reiche nun einmal leider, leider nicht für alle.

Und wäre einer der Affen rhetorisch so begabt wie Christian Lindner von der FDP, dann würde er vielleicht sagen: „Es gibt kein Affenrecht, sich seinen Standort auf der Welt selbst auszusuchen.“

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