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Samstag, 05.03.2016

Ach, liebe Lotte

Wie war das mit Goethe und Frau von Stein? Die Autorin Sigrid Damm erzählt in Dresden von ihrer Spurensuche.

Von Karin Großmann

© dpa

Seit Goethes erstem Geburtstag wird Goethe erforscht, deshalb sind neue Erkenntnisse und Fundstücke rar. Wenn jemand was herausfinden kann, ist es Sigrid Damm. Die Schriftstellerin kennt jedes Fetzelchen aus dem Dichterhaushalt. In ihren Büchern erzählt sie, wie Goethe in Ilmenau mit Aktien spekulierte, wie er sich ein letztes Mal verliebte und warum Christiane Vulpius mehr als sein Bettschatz war, wie Weimarer Lästermäuler meinten. Sigrid Damm hatte das Tagebuch der Goethegattin aus deren letztem Lebensjahr entdeckt. In ihrem Buch „Christiane und Goethe“ zeichnete die Autorin 1998 ein sensationell anderes Bild als bis dahin üblich.

„Meine Arbeit ähnelt der einer Restauratorin. Von einem alten Wandgemälde entferne ich die Putzschichten der Jahrhunderte. Was zutage tritt, oft nur im Detail, ist erregend“, sagt die 75-jährige Autorin. Ihre jüngste Putzarbeit stellte sie am Donnerstagabend in Dresden vor. Das Buchhaus Loschwitz war vorausschauend ins Ortsamt umgezogen, und auch dort saßen die Zuhörer im Treppenhaus bis hinauf in die zweite Etage.

Im Zentrum des Buches „Sommerregen der Liebe“ steht Charlotte von Stein. Sie war verheiratet, mehrfache Mutter, am Hof etabliert, als der junge Johann Wolfgang 1775 nach Weimar kam. Beinahe vom ersten Tag an umwarb er sie. Die Botenfrauen machten Überstunden. Von den Briefen und Zettelchen blieb nur die Hälfte erhalten. Als die Liebesbeziehung nach zehn Jahren unfroh zu Ende ging, forderte Charlotte von Stein ihre Schreiben zurück, und was daraus wurde, ist nicht bekannt.

Sigrid Damm musste sich mit der anderen Hälfte begnügen. Sie las, was der ungestüme Dichter seiner Herzensdame hinseufzte – ach, liebe Lotte! –, las andere Korrespondenzen, kniete wieder im Staub der Archive. Jedes Mal ist es ein Kunststück, wie sie die Schwere der Recherche in die Leichtigkeit ihrer Texte verwandelt. Auf die Frage, ob die Beziehung eher platonisch oder doch sexuell war, kann auch Sigrid Damm keine endgültige Antwort geben. Will sie auch nicht. Klatsch hat sie nie interessiert. Deshalb hat sie nur ein Schulterzucken übrig für jene Gerüchte, die Charlotte von Stein eine andere Rolle zuschreiben: Sie sei nur die Strohfrau gewesen; in Wahrheit hätten die Liebesschwüre des Dichters seiner Vorgesetzten Anna Amalia gegolten. In Weimar hat sich ein Freundeskreis gebildet, um diese Sicht zu verbreiten. Nach eigenen Angaben hat er 250 Mitglieder.

Mit solchen Zahlen kann der Dresdner Goethe-Verein nicht dienen, umso mehr mit Tradition, Seriosität und Engagement. Vereinschef Jürgen Klose moderierte den Abend, und nur einmal musste er der Autorin widersprechen. „Das glaub ich nicht!“, entgegnete er auf Sigrid Damms Ankündigung, nun sei aber Schluss mit Goethe.

Sigrid Damm: Sommerregen der Liebe. Insel Verlag, 405 Seiten, 22,95 Euro

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