Freitag, 19.04.2013

24-Stunden-Doku über Jerusalem gedreht - massive Drohungen

Tel Aviv. Unter teilweise massiven Drohungen haben der Bayerische Rundfunk und Arte eine 24-Stunden-Dokumentation über Jerusalem gedreht. Die Aufnahmen für das Projekt „24h Jerusalem“ - in Anlehnung an „24h Berlin“ von 2009 - begannen am Donnerstagmorgen und endeten am Freitagmorgen, teilte der Bayerische Rundfunk mit.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern um Jerusalem erschwerte die Arbeiten jedoch erheblich. Palästinenser, die ein Projekt unter Beteiligung von Israelis für inakzeptabel hielten, versuchten, das Projekt platzen zu lassen. Die Gegner hätten palästinensische Teilnehmer faktisch als Verräter bezeichnet, hieß es im Drehteam.

Noch kurz vor Beginn der Aufnahmen seien palästinensische Protagonisten und Mitglieder palästinensischer Kamerateams massiv bedroht worden, stand auch in einer am Freitag verbreiteten Mitteilung des Bayerischen Rundfunks: „Palästinensische Teammitglieder erreichten von palästinensischer Seite Drohanrufe und zahlreiche unmissverständliche E-Mails: Angedroht wurden körperliche Gewalt, soziale Isolation oder wirtschaftliche Einbußen“. Einige geplante Drehs hätten abgesagt werden müssen, weil palästinensische Protagonisten kurzfristig abgesprungen seien, sagte ein BR-Sprecher.

Wie bei „24h Berlin“ begleitet das Filmprojekt 24 Stunden lang das Leben von Menschen in Jerusalem. Ein Jahr später soll das Ergebnis ausgestrahlt werden, ebenfalls 24 Stunden lang, nonstop und in Echtzeit. Rund 100 Bewohner des jüdischen West- und palästinensischen Ost-Jerusalems mit unterschiedlichsten Lebenswegen und religiösen wie politischen Zugehörigkeiten hatten sich bereiterklärt, ihren Alltag einen Tag lang von den Kamerateams begleiten zu lassen.

Die Macher mussten dabei wegen der angespannten Lage sehr sensibel vorgehen und auf Ausgleich bedacht sein. So sei darauf geachtet worden, dass gleich viele palästinensische und israelische Protagonisten jeweils von palästinensischen und israelischen Teams gefilmt werden. Ein Drittel der rund 70 Kamera-Crews wurden zudem von namhaften europäischen Filmemachern gestellt. „Wir haben das Möglichste getan, um beide Seiten in gleicher Weise zu berücksichtigen“, sagt Thomas Kufus von der Berliner Produktionsfirma zero one film, die das Projekt in Koproduktion mit dem französischen Partner Alegria umsetzt.

„24h Jerusalem“ möchte lediglich zeigen, wie sich das Leben in Jerusalem aus unterschiedlichen Perspektiven abspielt“, betonte Hubert von Spreti, Redaktionsleiter des federführenden Bayerischen Rundfunks. Das Projekt bilde ab, bewerte aber nicht. „Wir bedauern sehr, dass die Palästinenser ihre Chance nicht erkennen und nutzen wollen.“

Widerstand aus palästinensischen Kreisen hatte bereits einen ersten Drehtermin im vergangenen September platzen lassen. Fast alle palästinensischen Partner waren damals in ihren eigenen Reihen so unter Druck geraten, dass sie sich zurückziehen mussten. Während damals noch eine Koproduktion mit Israel und die Beteiligung israelischen Geldes vorgesehen war, sind jetzt nur noch der BR und Arte beteiligt. Auch sei jetzt weder israelisches noch palästinensisches Geld im Spiel gewesen. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein