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Sonntag, 12.03.2017

Kubas Online-Gamer spielen ohne Internet

Auf Kuba spielen Tausende Gamer auch ohne Internetzugang am Computer gegeneinander. Im Prinzip offline, aber trotzdem irgendwie online: Eine aus einem Türrahmen gebaute Antenne macht’s möglich.

Von Guillermo Nova

Ein Mann spielt in Havanna über ein lokales Netzwerk in Havanna mit anderen Spielern das Computerspiel „Age of Empire 2“.
Ein Mann spielt in Havanna über ein lokales Netzwerk in Havanna mit anderen Spielern das Computerspiel „Age of Empire 2“.

© dpa

Havanna. Es fing an mit einer Gruppe von Computer spielenden Freunden in Havanna. „Wir wollten gegeneinander spielen und nicht gegen den Computer“, erzählt Alejandro Cueto. Er ist einer der Väter des drahtlosen Netzwerks Snet (Street Network - Straßennetzwerk), das mehr als 15 000 Spieler in der kubanischen Hauptstadt miteinander verbindet - ganz ohne Internetzugang.

Die erste Antenne für das geschlossene Netzwerk baute Cueto vor rund zehn Jahren als Student aus einem Aluminium-Türrahmen. Mit fortlaufendem technologischen Fortschritt weitete sich der Kreis der Nutzer langsam aus. „Es gibt heute keinen Ort in Havanna, von dem aus man sich nicht verbinden könnte“, sagt Cueto stolz.

Der sozialistische Karibikstaat, in dem ein bürokratisch-autoritäres Regime herrscht, ist eines der Länder mit den niedrigsten Internetzugangsraten der Welt. Nur die Mitglieder einiger weniger Berufsgruppen dürfen zu Hause surfen: Ärzte, Wissenschaftler und Journalisten. Ende vergangenen Jahres startete ein Pilotprojekt in Havannas Altstadt, bei dem erstmals auch in anderen Privathaushalten Internetanschlüsse erlaubt wurden.

Die meisten Kubaner können aber weiterhin nur an WLAN-Hotspots das Internet nutzen. Mehr als 200 dieser Orte gibt es an öffentlichen Plätzen im ganzen Land. Pro Tag verbinden sich dort rund 250 000 Menschen mit dem Netz - allerdings nicht kostenlos. Der Preis für eine Stunde Internetnutzung wurde im Dezember von 2 US-Dollar auf 1,50 Dollar gesenkt. Aber auch die niedrigere Summe können sich viele Kubaner nicht leisten. Der durchschnittliche Monatslohn auf Kuba beträgt 20 Dollar (etwa 19 Euro).

„Es gibt eine sehr armselige und veraltete Infrastruktur, mit einigen Hochgebildeten, die das meiste aus diesen prekären technischen Voraussetzungen machen“, beschreibt der Gründer der kubanischen Technologie-Webseite Cachivache Media, David Vázquez, die „atypische Internet-Situation“ des Landes.

„Kubanische Gamer sind wie die aus jedem anderen Land der Welt auch, aber mehr vom sozialen Kontext abhängig, einfach weil sie nicht von dem Spielen leben können“, erklärt Félix Manuel González, selber ein Gamer. „Ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich angefangen habe. Mir haben Videospiele immer gefallen“, erzählt er. „Als die LAN-Partys organisiert wurden, habe ich angefangen, im Netzwerk zu spielen, und seitdem habe ich nicht aufgehört.“ Bei einer LAN-Party vernetzen Spieler ihre Computer mit Kabeln miteinander.

Diese Partys fanden zunächst bei Freunden zu Hause statt, aber wegen der hohen Nachfrage suchten sich die Spieler größere Veranstaltungsorte. So füllten Hunderte Videospieler etwa das berühmte Kino Yara. Snet machte es schließlich möglich, gegeneinander zu spielen, ohne im selben Raum zu sein.

Mittlerweile gibt es für Videospiel-Begeisterte auf Kuba auch das Magazin „N1CKS“, das von Design-Studenten ins Leben gerufen wurde. Die interaktive Wochenzeitschrift verbreitet sich ebenfalls offline, sie wird auf USB-Sticks kopiert. „Wir wollen den kubanischen Gamern einen Raum geben, wo sie Erfahrungen austauschen können“, sagt einer der „N1CKS“-Gründer, Rafael Santos.

Die Macher der Zeitschrift wollen nach eigenen Angaben gerne noch mehr Spieler erreichen als nur die der Hauptstadt. „Uns interessiert es, zu erfahren, was im ganzen Land mit Videospielen los ist“, erklären Santos und seine zwei Mitstreiter Frank Tamayo und Julio Jiménez.

Auch das Snet-Netzwerk ist bislang auf die Gamer Havannas beschränkt. Um die dünn besiedelten Gegenden zwischen Kubas Städten abzudecken, wären aber deutlich stärkere Antennen von Nöten, als solche, die sich aus Türrahmen fertigen lassen. (dpa)