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Samstag, 14.05.2016

Kritik nur an Putin?

Sehr geehrter Herr Fischer,

vielen Dank für Ihre anerkennenden Worte. Wir freuen uns darüber. Die Sächsische Zeitung legt tatsächlich Wert darauf, viele Aspekte eines Themas zu beleuchten und unterschiedliche Meinungen darzustellen. Macht die SZ da bei Wladimir Putin und der Politik des Westens gegenüber Russland eine Ausnahme? Sie sind nicht der einzige Leser, der diese Frage stellt.

Zunächst betrachtet die SZ Russland heute tatsächlich kritischer als vor zehn Jahren. Diese Entwicklung begann mit Putins scheindemokratischem Ämtertausch mit Regierungschef Medwedew und fand seinen Höhepunkt in der Ukraine-Krise und der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim. So etwas darf in Europa im 21. Jahrhundert nicht Schule machen. Allerdings, da haben Sie völlig recht, gibt es genügend Anlass, über die Mitverantwortung des Westens für diese Entwicklung nachzudenken. Die Nato-Osterweiterung sollte osteuropäischen Ländern mehr Sicherheit bieten, aber Russland fühlt sich dadurch in die Enge getrieben. So gedeiht keine Partnerschaft. Und die Eskalation in der Ukraine wäre womöglich vermeidbar gewesen, wenn die gewaltigen Probleme dort früher ernst genommen und die diplomatischen Anstrengungen nicht erst nach, sondern vor Ausbruch der Krise zum Einsatz gekommen wären.

Solche Einschätzungen werden Sie, Herr Fischer, im SZ-Archiv reichlich finden. Der Redaktion stehen dafür sachkundige Korrespondenten in Moskau, Washington, Brüssel zur Verfügung. In den Kommentaren der Außenpolitik-Experten Frank Grubitzsch und Uwe Peter (selbst jahrelang Moskau-Korrespondent) sind solche differenzierten Bewertungen selbstverständlich.

Die Redaktion macht sich dennoch Gedanken, wie der Eindruck einseitiger Berichterstattung entstehen konnte und wie dem entgegenzuwirken ist. Eine Möglichkeit ist, Ereignissen um Russland und Osteuropa noch mehr Raum zu bieten, diese Themen komplexer zu analysieren, größere Zusammenhänge herzustellen, historische Einordnungen zu erleichtern. Das starke Interesse unserer Leser an diesen Themen, sehr geehrter Herr Fischer, ist dafür Ansporn genug.

Ihr Olaf Kittel