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Samstag, 20.02.2016

Kreuzkirche öffnet für Obdachlose

Die Kirchgemeinde lädt zu einer Woche des Miteinanders. Bedürftige bekommen Essen und einen Schlafplatz.

Von Felix Keßler

Ungewöhnlich: Wo sonst Kirchenbänke stehen, wurden nun für die Tafelwoche große Esstische aufgestellt. Beim Umbau geholfen haben Bundeswehr-Soldaten.
Ungewöhnlich: Wo sonst Kirchenbänke stehen, wurden nun für die Tafelwoche große Esstische aufgestellt. Beim Umbau geholfen haben Bundeswehr-Soldaten.

© Christian Juppe

Eine leere Kirche, völlig ausgeräumt, ohne Bänke und anderes Mobiliar – ein sehr seltener Anblick. In der Kreuzkirche am Altmarkt ist aber genau dies geschehen und das kurz vor dem 800. Jubiläum der dortigen evangelischen Gemeinde. Der Grund dafür ist aber kein spektakulärer Diebstahl in einer der berühmtesten Kirchen der Stadt. Das Ganze war durch und durch beabsichtigt, denn die Gemeinde will den runden Jahrestag zusammen mit Kreuzgymnasium und Kreuzchor auf ganz besondere Weise feiern.

„Bei unseren Veranstaltungen geht es ja häufig um Kulturelles, jetzt möchten wir uns aber auch einmal ganz karitativ engagieren“, sagt Superintendent Christian Behr. Alle Dresdner, speziell aber Obdachlose und Bedürftige sind während der „Tafelwoche“ eingeladen, in der Kirche zu speisen, Musik und das Beisammensein zu genießen. Wohnungslose können in einem Schlafraum auch übernachten, müssen nachts also nicht zurück auf die kalten Straßen. Deshalb ist die Kirche längst wieder möbliert, ein langer Tisch im Kirchenschiff unterstreicht den Namen der kommenden Veranstaltung.

Dafür kamen Soldaten der Bundeswehr ins Schwitzen, einen ganzen Tag lang verluden sie die Kirchenbänke zum Abtransport in Lastwagen. „Das war Schwerstarbeit“, wie Mitorganisator Lars Rohwer, Vorsitzender des Kreisverbandes vom Roten Kreuz in Dresden, betont. Doch die Anstrengungen hätten sich gelohnt, die Kirche wirke nun ganz anders, gerade wegen des ungewohnten Anblicks.

Eine ganze Reihe namhafter Unternehmen hilft bei der Umsetzung der Tafelwoche, Restaurants aus unmittelbarer Nähe der Kirche stellen Essen für die Besucher bereit. Kein einfacher Auftrag, denn es soll Frühstück, Mittag- und Abendessen geben, mit etwa 120 Portionen rechnet man – täglich. Die Kirche ahmt damit das Prinzip der diakonischen „Nachtcafés“ nach. Wohnungslose können dort im Winterhalbjahr nachts duschen, ausruhen und Essen bekommen. „Wir wollen den Dresdnern ganz praktisch zeigen, was Diakonie bedeutet“, sagt Adriana Teuber von der Diakonie-Stadtmission. Viele könnten sich hinter dem Wort „Diakonie“ kaum Konkretes vorstellen. Das soll sich nun ändern, man wolle bewusst zum Ehrenamt motivieren.

Das umfangreiche Wochenprogramm beinhaltet Gebete, Vorträge und Konzerte. Der Düsseldorfer Star-Cellist Thomas Beckmann etwa wird am Eröffnungssonntag ein Konzert geben. Er engagiert sich seit Jahrzehnten für Wohnungslose in ganz Deutschland, tourt seit 2015 auf einer Benefiztournee. Und Paul Hoorn, ehemaliger Anführer der Dresdner Folk-Band „Das blaue Einhorn“, wird am Freitag erwartet.

Die „Tafelwoche“ in der Kreuzkirche: 21.–28. Februar, Informationen zu Programm und Ablauf unter www.kreuzkirche-dresden.de/aktuelles