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Donnerstag, 11.02.2016

Kreuzgefährliche Bautzner

Am Montag ist eine junge Frau mit dem Fahrrad tödlich verunglückt. Der Unfall könnte die Folge einer Fehlplanung sein.

Von Tobias Wolf

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Polizisten untersuchen am Montagabend die Unfallstelle an der Bautzner Straße. Eine 26-jährige Radfahrerin war von dem Betonlaster erfasst worden und erlag später ihren Verletzungen. Die schmale Fahrbahn zwischen der Sperrfläche und dem Bordstein wurde der jungen Frau wohl zum Verhängnis.
Polizisten untersuchen am Montagabend die Unfallstelle an der Bautzner Straße. Eine 26-jährige Radfahrerin war von dem Betonlaster erfasst worden und erlag später ihren Verletzungen. Die schmale Fahrbahn zwischen der Sperrfläche und dem Bordstein wurde der jungen Frau wohl zum Verhängnis.

© Roland Halkasch

Die Flammen der Kerzen flackern im Wind. Hin und wieder bleibt jemand stehen, stellt weitere Kerzen dazu und betrachtet die Szene an der Kreuzung Bautzner Straße/Rothenburger Straße. Es ist ein stilles Gedenken für eine junge Frau, deren Leben am Montag ein jähes Ende fand. Die 26-Jährige war mit ihrem Fahrrad auf der Bautzner Straße unterwegs, als sie in Höhe der Kreuzung von einem Lkw erfasst wurde. Dabei stürzte sie so schwer, dass sie unter den Lastwagen geriet. Zwei Tage nach dem Unfall zeugen nur noch die Kreidemarkierungen auf der Fahrbahn und die Kerzen von dem Unglück.

Der Notarzt hatte vergeblich eine Dreiviertelstunde lang versucht, die Frau wiederzubeleben, sagt Gisela Cramer, die den Rettungsversuch von ihrem Fenster aus beobachtet hat. „Die junge Frau lag mit ausgestrecktem Arm da, als ob sie schläft“, sagt die 80-Jährige, immer noch fassungslos. „Mir erschien diese Stelle schon immer als sehr gefährlich.“ Nicht nur ihr.

2013 war die Bautzner Straße zwischen Martin-Luther-Straße und der Rothenburger Straße erneuert worden. Allerdings nicht nach den ursprünglichen vom Stadtrat beschlossenen Plänen, kritisiert Rolf Leonhardt vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Eigentlich sollte der Autoverkehr auch über die Gleise in der Mitte rollen. Dabei wäre noch Platz für durchgehende Radwege gewesen. Am Ende wurde das Gleisbett als Sperrfläche markiert. Die Folge: In Richtung Albertplatz wird an der Kreuzung Rothenburger Straße aus einem Radstreifen und einer Autospur mit einer Gesamtbreite von 5,10 Meter eine einzige Fahrbahn mit 3,05 Metern. „Das ist kreuzgefährlich, vor allem in der Dämmerung“, sagt Leonhardt. „Ein zügig fahrender Autofahrer, der die Grünphase erwischen will, rechnet nicht damit, dass er sich den vorher reichlich vorhandenen Platz plötzlich mit Radfahrern teilen muss.“

Bereits im Januar 2014 waren der 50-Jährige und andere Mitglieder des ADFC auf die Gefahrenstelle aufmerksam geworden. Am 28. April radelte Leonhardt dann mit Straßenbauamtschef Reinhard Koettnitz und anderen Teilnehmern vom Albertplatz bis zur Pulsnitzer Straße über die Bautzner, um Defizite des Ausbaus zu thematisieren. Einem Protokoll zufolge, das der SZ vorliegt, waren sich die Beteiligten einig, dass die schmale Fahrbahn hinter der Kreuzung Rothenburger als gefährlich anzusehen ist. Dabei blieb es. Mitte August 2014 schreibt Leonhardt, der im Hauptberuf Apotheker ist, einen Widerspruch zur Verkehrsführung an das Straßenbauamt, um nochmals auf die Gefahr hinzuweisen. Eine Lösung des Problems könnte sein, die Radler mit einem markierten Streifen über die Kreuzung Rothenburger auf den Fußweg und anschließend in die Nebenfahrbahn der Bautzner Straße zu leiten. Dann bestünde keine Gefahr mehr, dass Autos an der Engstelle mit Fahrrädern zusammenstoßen. Leonhardt schlägt außerdem vor, die Markierung der Sperrfläche zu entfernen, um Autos Ausweichmöglichkeiten über die Gleise zu geben.

Eine Antwort erhält Leonhardt einen Monat später. Die Regelung an der Kreuzung Bautzner/Rothenburger stelle eine Übergangsregelung bis zum Weiterbau der Bautzner dar, schreibt die Behörde. Im Rahmen des Ausbaus sei es selbstverständlich, dass Vorkehrungen für einen sicheren Radverkehr getroffen werden. Ein Entfernen der Sperrfläche würde dazu führen, dass die Bahn nicht mehr parallel zu den Autos Richtung Albertplatz fahren könne, was „fatale Auswirkungen“ auf den Verkehrsablauf hätte. Die Tiefschläge kommen erst weiter hinten: „Wenn die von Ihnen beschriebene Situation im Verkehrsablauf zwischen Rad- und Kraftfahrzeugverkehr so prekär ist (wir schätzen es derzeit in keiner Weise so ein!), bleibt eigentlich nur, den Radfahrstreifen“ in stadtwärtiger Fahrtrichtung vor der Rothenburger Straße wieder zu entfernen, schreibt das Straßenbauamt. Und: Leonhardt möchte wohl eher eine aus seiner Sicht günstigere Verkehrsregelung „erzwingen“, so die Behörde.

Im November 2014 schreibt ADFC-Vorstand Nils Larsen nunmehr an den damaligen Baubürgermeister Jörn Marx (CDU). Auch er kann keine Abhilfe bieten, verweist ebenfalls auf einen möglichen Umbau der Bautzner Straße. Nun heißt es aus dem Rathaus: Zum Unfall am Montag und möglichen Ursachen könne sich die Stadt noch nicht äußern. „Die Unfallanalyse liegt uns noch nicht vor“, so Straßenbauamtschef Koettnitz. „Wir müssen diese erst abwarten, bevor wir uns zu möglichen Unfallursachen und Konsequenzen äußern können.“ Es gebe Pläne für eine Anpassung der Kreuzung beim Ausbau zwischen Rothenburger und Glacisstraße. Vor 2017 passiert dort jedoch nichts.

Nun ermittelt die Polizei. „Ob die Kreuzungssituation Einfluss auf den Unfall hatte, muss der Gutachter beurteilen“, sagt Polizeisprecherin Jana Ulbricht. „Es ist sicher nicht auszuschließen, dass bauliche Gegebenheiten einen Einfluss haben könnten, aber zum jetzigen Zeitpunkt wäre das spekulativ.“ Vielleicht hat es bisher keinen so schweren Unfall an dieser Stelle gegeben, weil nach den Beobachtungen von Rolf Leonhardt zwei Drittel statt der Fahrbahn illegal den Fußweg nutzen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 124 Kommentare

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  1. Wossim

    Vor 40 Jahren habe ich mal gelernt, nicht vielleicht sondern mindestens 1 Meter Seitenabstand zum Radfahrer zu halten und vor'm Überholen zu blinken, damit Nachfolgende nicht überrascht werden. Bis heute halte ich mich daran. Außer mir macht das kaum noch einer, so etwas scheint etwas für Weicheier von der Fahrschule zu sein. Nicht nur im Asylbereich müssen bestehende Gesetze endlich durchgesetzt werden.

  2. Lutz

    Tja - so liegen die Prioritäten im Straßen und Tiefbau Amt. Nächstes Beispiel: Blaues Wunder. Für Radfahrer, welche sich regelkonform verhalten wollen - ein Alptraum.

  3. Konrad

    Die Armen Radfahrer! Es war klar, dass es irgendwann soweit kommt, aber die Radfahrer verhalten sich auch nicht optimal. Zum Beispiel fahren die einem auf dem Gehweg fast über den haufen, und der Radstreifen auf der Bautznerstraße bleibt leer. Wer so Chaotisch dann noch über die Kreuzung will, hat halt irgendwann mal nichtsmehr zu lachen.

  4. Urbanisator

    Vielleicht sollten die Damen und Herren Radfahrer mal §10 StVO lesen und beherzigen.

  5. Peter

    Tja, in dieser Stadt wurde schon immer Wert auf den mörderischen Autoverkehr gelegt. Weiteres katastrophales Beispiel: die Bodenbacher, wo es ständig "kreuzgefährliche" Verengungen gibt. Es könnte ja auch mal über eine stadtweite Tempo 30-Zone oder ein Schwerlastverkehrfahrverbot nachgedacht werden.

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