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Kreatives hinter Gittern

Die JVA Zeithain gibt es seit 35 Jahren. Bei einem Tag der offenen Tür zeigt die Einrichtung, was sie von anderen Jugendvollzugsanstalten unterscheidet.

10.09.2012
Von Manfred Müller

Die Knast-Band spielt „Hey Joe“. Der kalifornische Folkblues-Song handelt von einem eifersüchtigen Mann, der seine untreue Frau und deren Freund erschießen will, um danach in Mexiko unterzutauchen. Ziemlich passend für einen Tag der offenen Tür im Gefängnis. In der Justizvollzugsanstalt Zeithain sitzen zwar nur Delinquenten mit Strafen bis zu fünf Jahren ein, aber es sind durchaus auch Täter dabei, die Tötungsverbrechen begangen haben.

Im Knast ist das mit den offenen Türen natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen. Die Pforten werden mit riesigen Schlüsseln aufgeschlossen, und das nur für Besucher von draußen. Die müssen ihr Handy abgeben und etliche Sicherheitsschleusen und Stahltore passieren, um ins Innere des Zeithainer Gefängnisses vorzudringen. Die hohen Metallzäune sind mit Nato-Stacheldraht bekränzt, und hinter den Fenstergittern johlen und pfeifen die Gefangenen. „Einige von ihnen haben eben schon lange keine Frau mehr gesehen“, erklärt Sicherheitsbeauftragter Benno Kretzschmar den Damen in der Besuchergruppe. Kretzschmar arbeitet seit 15 Jahren hier, und er strahlt jenen Gleichmut aus, der im Umgang mit Strafgefangenen unerlässlich ist. 395 Haftplätze gibt es in Zeithain, alle in Einzel- oder Doppelzellen, und es sind durchaus noch Plätze frei. Vor fünf Jahren wurde die JVA von einer reinen Jugendhaftanstalt in einen Knast für erwachsene Straftäter umgewandelt. Seitdem sei es ruhiger geworden, sagt Kretzschmar; die Jüngeren hätten das Wachpersonal viel öfter provoziert.

Kein "Verwahrvollzug" im US-Stil

Der Gefängnistrakt an der B 98 zwischen Glaubitz und Zeithain wurde vor genau 35 Jahren in Betrieb genommen. Rund 600 Gefangene zogen damals vom Knast in Riesa-Gröba hierher. Zu DDR-Zeiten ging es hinter Gittern eng zu, teilweise hausten 14 Mann in einer Zelle. Gearbeitet wurde meist im Stahlwerk, wo es eine eigene geschlossene Abteilung für die Sträflinge gab. In den Jahren nach der Wende hat man in der JVA viel an- und ausgebaut und die Zahl der Gefangenen reduziert, um zeitgemäße Haftbedingungen zu schaffen. Hier wird kein Verwahrvollzug betrieben wie etwa in den USA. Man versucht mit den verschiedensten Methoden, die Straftäter von einer Fortsetzung ihrer kriminellen Laufbahn abzubringen. Die Gefangenen können hier Vorstufen eines Lehrabschlusses absolvieren, etwa im Tischlerhandwerk, in Bau- und Metallberufen. Sie können im Kunstarbeitsbetrieb einem schöpferischen Job nachgehen, sogar Porträts und Stillleben malen. Wirklich berühmt aber ist die JVA Zeithain für ihr Kreativzentrum. Hier lernt, wer es denn will, unter der Anleitung von Therapeuten die verschiedensten Kunsttechniken: Malerei, Bildhauerei, Musik, auch Theaterspiel. „Einige Gefangene haben sogar ihre Verlegung aus anderen Vollzugsanstalten hierher beantragt, um an den Kursen teilnehmen zu können“, sagt Benno Kretzschmar.

Felix Z. arbeitet im Mal-Atelier an einem Porträt von seinem Sohn. Drei Bilder von seiner Familie habe er schon fertiggestellt, erzählt der junge Mann, der anderthalb Jahre in Zeithain absitzen muss. Im November komme er raus, endlich wieder zurück zu Frau und Sohn, danach werde er sich noch einer Drogentherapie unterziehen. Den Knast, sagt Felix Z., wolle er im Leben nicht wiedersehen. Draußen vor der Tür behaut Thomas F. mit Hammer und Meißel eine Torso-Skulptur. Er hat fünf Jahre wegen Körperverletzung und Betrug aufgebrummt bekommen und muss noch vier davon absitzen. Mit Bildhauerei habe er sich hier im Knast zum ersten Mal beschäftigt, sagt er. Sie helfe ihm, die Zeit bis zur Entlassung zu überstehen.

Natürlich entlässt auch der beste Knast am Ende kaum Künstler oder brave Normalbürger. „Viele landen nach der Haftzeit wieder in ihren alten Cliquen und werden erneut kriminell“, weiß Sicherheits-Chef Kretzschmar. Auch im Gefängnis selbst ist nicht eitel Sonnenschein angesagt, es gibt Drogendelikte, Auseinandersetzungen zwischen den Gefangenen, Ausbruchsversuche, von denen Kretzschmar ganz freimütig erzählt. Den Respekt der Gefangenen müsse man sich hart erarbeiten. Der Zeithainer Sicherheits-Chef hat da eine recht unkonventionelle Methode auf Lager – er spielt mit den Knast-Insassen Fußball „Wer mich foult“, brieft er die Neulinge, „der bekommt ein Jahr Nachschlag.“