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Samstag, 29.10.2011

Kopfstand zwischen zwei Welten

Ihre Eltern kamen einst als Gastarbeiter von Vietnam nach Dresden. Khan, Long, Huy und Duc sind in beiden Kulturen zu Hause – und als Breakdance-Gruppe vereint.

Von Doreen Hübler

Musik verbindet. Das war schon in den Wohnzimmern ihrer Eltern so. Fast jedes Wochenende traf man sich reihum im Bekanntenkreis, es wurde gegessen, getrunken – und Karaoke gesungen. Dort haben sie sich kennengelernt: Khan, Long, Huy und Duc, damals noch Kinder, die nicht ganz verstanden, warum man so viel Spaß beim Nachsingen von Liedern haben kann. Es ist eine Frage der Generationen und in ihrem Fall auch von zwei Kulturen, die aufeinandertreffen. Auf der einen Seite sind ihre Eltern, die einst als Gastarbeiter von Vietnam nach Dresden kamen und sich hier ein neues Leben mit alten Vorzeichen aufbauten. Mit der Sprache, dem Essen und ein paar Freunden, die sie aus der Heimat kannten. Ganz anders ihre Kinder: Die zweite Generation hat in Deutschland Wurzeln geschlagen.

Asia-Imbiss und Textilhandel

„Wir sind Deutsche – mit vietnamesischem Pass“, sagt Huy Nguyen. Er ist 22 und der Einzige, der sich an die Reise nach Europa erinnern kann, an Wochen, in denen er als Vierjähriger mit seiner Familie durch die halbe Welt getingelt ist, bis sie das Ziel erreicht hatten. Dresden – eine Stadt, die seinen Eltern fremd war. „Sie haben Anschluss gesucht. Das hat am besten funktioniert unter Leuten aus demselben Land, und die Asiaten kennen sich hier sowieso fast alle.“ Die Netzwerke sind geblieben, auch wenn sich die Eltern längst eine Existenz aufgebaut haben, meist Asia-Imbisse oder Textilgeschäfte.

Und ihre Söhne? Die tanzen zwischen den Welten. Sie drehen sich auf dem Rücken und auf dem Kopf, machen Figuren, die „Handglide“ oder „Windmill“ heißen und am besten sind, wenn sie halsbrecherisch aussehen. Als Breakdancer haben sich die Freunde aus Kindertagen wiedergefunden. Einer nach dem anderen interessierte sich für die Figuren. „Ganz ehrlich: Am Anfang wollte ich damit Mädchen beeindrucken. Aber jetzt ist das anders“, sagt Long und holt mit leidenschaftlichen Gesten zu einer Brandrede über Breakdance aus. „Fußball zum Beispiel, da ist doch alles viel erwartbarer. Der Ball fliegt irgendwohin, es gibt ein Tor und das war’s dann. Beim Tanzen dagegen passiert ständig etwas Neues.“

Sie sind eine Crew mit knapp einem Dutzend Mitgliedern. Man trifft sich mehrmals die Woche zum Training und an den Wochenenden, um die Kräfte und Künste mit Breakdancern aus anderen Städten zu messen. Die meisten aus ihrer Gruppe haben den gleichen Hintergrund – vietnamesisch mit deutschen Wurzeln. „Das ist eher Zufall“, sagt Duc. „Vielleicht auch nicht. Wir kennen uns eben alle.“

Besonders wollen sie höchstens durch ihre Kopfstände und Drehungen sein, aber das spielt nicht immer die Hauptrolle. „Wir sehen ganz offensichtlich anders aus, da gibt es schon mal Bemerkungen“, sagt Huy. Nur, wer fragt, versteht, dass ihre Welt manchmal kompliziert, aber am Ende ganz einfach ist. „Unsere Kinder werden es mal besser haben. Ihr Weg wird klarer sein“, sagt Long. „Ich nehme einfach das Beste aus beiden Kulturen.“ Die Warmherzigkeit und den Familiensinn der Vietnamesen. Und Tugenden, die er als typisch deutsch bestätigt: Ordnung, Pünktlichkeit, manchmal beobachtet er einen Hang zum Einzelkämpfer. „Die Deutschen trainieren eher für sich. Nicht alle, aber es fällt auf.“

Rätseln über den Reisepass

Ihre Eltern wissen vom Hobby der Jungs, aber beobachten die Akrobatik ein wenig ratlos. „Sie verstehen Breakdance nicht“, sagt Huy. Genau wie sie damals über den Sinn von Karaoke gegrübelt haben und heute ihre Eindrücke vergleichen, wenn sie über das ferne Vietnam sprechen. Vier-, fünfmal ist jeder von ihnen schon nach Asien gereist, in das Land ihrer Vorfahren, das sie als Heimat beschreiben, aber auch als „ziemlich krass und echt exotisch“. Dort zu leben kann sich keiner vorstellen. „Lieber gehe ich mal nach Berlin“, sagt Khan. Das fühlt sich viel vertrauter an. Vorher muss er aber sein Abitur bestehen, die anderen studieren bereits Wirtschaft und Energielehre. Wohin die Reise der vier führen wird, hängt auch von ihren Pässen ab. Noch sind sie vietnamesische Staatsbürger, aber gut möglich, dass sie diesen Status tauschen. Kommt ganz darauf an, welches Dokument am praktischsten für die Erkundung der Welt ist.

Khan, Long, Huy und Duc sind als Breakdance-Crew „Lemmings“ zu Gast beim Festival „Politik im Freien Theater“, das morgen im Festspielhaus Hellerau startet. Sie treten am 27. und 28.Oktober in „Good Morning Vietnam“ auf.