Sonntag, 30.12.2012

Konjunkturelle Schatten über dem Lehrstellenmarkt

Im Frühjahr hatte die Wirtschaft noch mehr Lehrstellen in Aussicht gestellt. Doch die jetzt quasi klammheimlich ins Internet gestellte Jahresbilanz zeigt: Es gab 2012 weniger Angebote und Neuverträge und auch mehr unvermittelte Jugendliche.

Von Karl-Heinz Reith

Junge Köche bereiten am 13.02.2012 auf der Messe Nord Gastro in Husum Gerichte zu (Symbolfoto).
Junge Köche bereiten am 13.02.2012 auf der Messe Nord Gastro in Husum Gerichte zu (Symbolfoto).

©dpa

Berlin. Der positive Trend der vergangenen Jahre auf dem Lehrstellenmarkt ist 2012 ins Stocken geraten. Dies ist das Fazit der offiziellen Ausbildungsplatzbilanz, die das Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) dieser Tage beinahe unbemerkt ins Internet gestellt hat. Als Ursache für den Rückgang bei den neu abgeschlossenen Lehrverträgen nennen die amtlichen Forscher vor allem die im zweiten und dritten Quartal 2012 nachlassende Konjunktur. Unternehmen sparen aktuell auch bei der Berufsausbildung - ungeachtet ihrer Klagen über eine drohende Fachkräftelücke infolge der weiteren demografischen Entwicklung.

Das Lehrstellenangebot sank danach bundesweit um 14.500 Plätze auf 584.500 (minus 2,4 Prozent). Zugleich ging die Zahl der Bewerber weiter zurück, und zwar um 14.200 junge Menschen auf 627.300 (minus 2,2 Prozent). Zum gesetzlichen Stichtag 30. September wurden lediglich 551.300 neue Ausbildungsverträge registriert. Das ist ein Rückgang um 18.100 Verträge - oder 3,2 Prozent. Einen ähnlich niedrigen Wert bei den Neuverträgen gab es seit der deutschen Einheit nur noch 2005. Zugleich kamen in diesem Jahr 76.000 Lehrstellen-Bewerber nicht zum Zuge. Das waren 3.900 oder 5,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

Es fällt auf, dass diesmal bei Vorlage der neuen Bilanz die üblichen selbstlobenden Presseerklärungen der Wirtschaftsverbände ausblieben - hatte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) doch noch im Frühjahr eine deutliche Steigerung der betrieblichen Ausbildungsplätze in Aussicht gestellt. Auch die drei zuständigen Bundesministerien - Wirtschaft, Arbeit und Bildung - zogen es bislang vor, zur Bilanz zu schweigen.

Nicht zum ersten Mal verdeutlicht die Jahresbilanz, dass auch das deutsche System der dualen Berufsausbildung mit seinem Zusammenspiel von Betrieb und Berufsschule für konjunkturelle Schwankungen anfällig ist. In der Vergangenheit war es immer dann besonders schwierig, wenn Konjunkturkrisen und geburtenstarke Schulabgängerjahrgänge zeitgleich zusammentrafen, wie etwa Anfang der 80er oder Mitte der 90er Jahre.

Doch wegen den weiter sinkenden Abgängerzahlen aus Haupt- und Realschulen fällt die Situation diesmal nicht ganz so dramatisch aus. Die Angebots-Nachfrage-Relation ist noch halbwegs konstant. Auf 100 Bewerber kamen in diesem Jahr rechnerisch 93,2 Lehrstellenangebote. Im Vorjahr waren es 93,4.

Zugleich wird es aber immer schwieriger, die Anforderungen und Vorstellungen der Betriebe mit den Wünschen der Bewerber in Einklang zu bringen. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock fordert die Unternehmen auf, auch ihr Einstellungsverhalten zu verändern und lernschwächeren Jugendlichen mehr Chancen zu geben. Die Wirtschaft solle nicht nur „über Fachkräftemangel lamentieren“, sondern auch den schwächeren Bewerbern eine Chance geben.

Ungeachtet des gesunkenen Angebots der Betriebe blieben 33.300 Lehrstellen unbesetzt. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 12,1 Prozent. Allein im Handwerk blieben 10.500 Lehrstellen frei - trotz vielfältiger Werbeaktionen der Kammern. Doch meist geht es dabei um Berufe, in denen schlecht gezahlt wird, die Arbeitszeiten lang und unregelmäßig und auch die Übernahmechancen nach der Lehre gering sind. Dazu zählt das Lebensmittelhandwerk (Fleischer und Bäcker), vor allem aber die Gastronomie. Wenig Besetzungsprobleme haben dagegen Berufe wie Bürokaufmann, Mediengestalter, IT-System-Elektroniker oder Tierpfleger.

Von den 76.000 Bewerbern, die nicht zum Zuge kamen, gelten 15.700 als „echt“ unversorgt. 60.400 wurden von den Arbeitsagenturen in eine „Alternative“ vermittelt, die allerdings nur „zum Teil einen echten Ersatzcharakter“ gegenüber einer vollqualifizierenden Berufsausbildung hat, räumt der Bericht ein. Dazu zählen der Verbleib in Förderkursen (25,9 Prozent), erneuter Schulbildung (29,2), Erwerbstätigkeit (15,3) oder Praktika (8). (dpa)

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