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Donnerstag, 12.10.2017

Kommt die 28-Stunden-Woche?

Die IG Metall geht mit der Forderung nach flexibleren Arbeitszeiten in die Tarifverhandlungen. Das Modell ist umstritten.

Von Cordula Eubel und Alfons Frese

Funken lässt dieser Metallarbeiter mit einem Trennschleifer sprühen. Heiß könnte es bei den Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie werden. Die IG Metall geht mit der Forderung nach der 28-Stunden-Woche in die Verhandlungen mit den Arbeitgebern.
Funken lässt dieser Metallarbeiter mit einem Trennschleifer sprühen. Heiß könnte es bei den Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie werden. Die IG Metall geht mit der Forderung nach der 28-Stunden-Woche in die Verhandlungen mit den Arbeitgebern.

© d-Foto/Bernd Lammel

Nach Jahrzehnten will die IG Metall erstmals wieder kürzere Arbeitszeiten durchsetzen. In den Tarifverhandlungen für die deutsche Metall- und Elektroindustrie verlangt die Gewerkschaft neben sechs Prozent mehr Geld die grundsätzliche Möglichkeit für alle Beschäftigten, zwei Jahre lang ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden zu reduzieren. Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und pflegende Familienangehörige sollen für den entgangenen Lohn zudem Ausgleichszahlungen in unterschiedlicher Höhe erhalten. Eine entsprechende Forderungsempfehlung hat der Vorstand der IG Metall beschlossen.

Wie sinnvoll wäre diese Reduzierung?

Der Streit in der Metallbranche erinnert auf den ersten Blick an längst vergangene Zeiten: Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Arbeitnehmer wochenlang für die Einführung der 35-Stunden-Woche streikten. Um Arbeitszeiten geht es nun auch wieder in den anstehenden Tarifauseinandersetzungen in der Branche: Die IG Metall fordert, dass die Beschäftigten ihre Arbeitszeit temporär auf bis zu 28 Stunden pro Woche reduzieren können sollen. Ob für die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen – die Arbeitszeiten sollen „zum Leben passen“, sagen die Gewerkschafter.

Was treibt die IG Metall an?

Alle paar Jahre fragt die größte deutsche Gewerkschaft ihre 2,3 Millionen Mitglieder, was ihnen besonders am Herzen liegt. Bei der jüngsten Umfrage stand das Thema Arbeitszeit im Mittelpunkt. „Fast alle Beschäftigten sind von dem Interesse der Betriebe nach zeitlicher Flexibilität der Arbeit betroffen“, schreibt die Gewerkschaft in der Auswertung der Umfrage. Grob gesagt bestimmt der Arbeitgeber je nach Auftragslage, wann gearbeitet wird. Das hohe Gut der Flexibilität will die IG Metall nun auf die Arbeitnehmer übertragen. Wenn sich die Gewerkschaft in den Tarifverhandlungen durchsetzen sollte, dann haben künftig alle Metaller, die unter den Tarif fallen, einen Anspruch auf eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren. Danach können die Arbeitnehmer auf die ursprüngliche Arbeitszeit zurückkehren.

Wo liegt das Problem?

Für bestimmte Beschäftigtengruppen will die IG Metall einen Entgeltzuschuss vereinbaren, den die Arbeitgeber zahlen sollen und mit dem ein Teil der Gehaltseinbußen durch die Arbeitszeitverkürzung ausgeglichen wird. Es geht um Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit reduzieren, um Kinder unter 14 Jahren im Haushalt zu betreuen oder Familienangehörige zu pflegen. Schichtarbeiter, die ihre Arbeitszeit um mindestens fünf Tage im Jahr reduzieren, sollen ebenfalls einen Zuschuss bekommen. Das Geld dafür kommt von den Arbeitgebern, und doch ist die Sache pikant für die Gewerkschaft: Denn die Arbeitgeber werden sich – wenn überhaupt – nur dann auf den Zuschuss einlassen, wenn der aus dem Volumen der Tariferhöhung finanziert wird. Anders gesagt: Wenn für ein paar Beschäftigtengruppen ein Teillohnausgleich gezahlt wird, dann reduziert das die prozentuale Tariferhöhung für alle Metaller. Aber wollen die das wirklich? Die Arbeitgeber sagen nein und führen eine eigene Umfrage an, wonach 84 Prozent der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie „eine solidarische Finanzierung von Auszeiten ablehnen“.

Was wollen die Arbeitgeber?

So wenig zahlen wie möglich. Das ist immer so, in diesen Zeiten aber besonders schwierig: Den Unternehmen geht es hervorragend, selbst der Maschinenbau, der in den vergangenen Jahren stagnierte, ist in Schwung gekommen. Erlöse und Gewinn steigen, die Wirtschaft brummt, und es gibt etwas zu verteilen. Die Prozente sind auch nicht das Problem, aber die Arbeitszeit. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hält das ganze Ansinnen für überflüssig, da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bereits gegeben sei. „Für die allermeisten Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten wird in den Betrieben schon heute eine passende Lösung gefunden.“ Das andere Argument ist aus der Not des Fachkräftemangels geboren. Ein Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung „würde den Fachkräftemangel verschärfen“. Eine Lösung könnte so aussehen: Auf der einen Seite gibt es für eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern im Betrieb kürzere Arbeitszeit, wenn gleichzeitig auf der anderen Seite Mitarbeiter auch länger arbeiten würden.

Was bringt die Arbeitszeitverkürzung?

Auf jeden Fall würde sie dem Wunsch der Arbeitnehmer nach mehr Flexibilität entgegenkommen. In Umfragen geben viele Vollzeitbeschäftigte an, dass sie ihre Arbeitszeit gern reduzieren würden, während Teilzeitbeschäftigte aufstocken möchten. Das Recht auf Arbeitszeitverkürzung könne außerdem „ein Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit“ sein, sagt Ingrid Artus, Professorin für Soziologie an der Universität Erlangen. Die Zuständigkeit für die Familienarbeit und die Pflege von Angehörigen liege immer noch überwiegend bei den Frauen. Mit der steigenden Frauenerwerbstätigkeit werde es daher zu einem „brennenden Thema“, wie sich das mit der Berufstätigkeit unter einen Hut bringen lasse, sagt die Arbeitszeitforscherin.

Wie reagiert die Politik?

In Tarifverhandlungen mischen Politiker sich üblicherweise nicht ein. Doch das Thema Arbeitszeiten hat in der politischen Debatte wieder an Bedeutung gewonnen. In der letzten Wahlperiode hatte die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) einen Gesetzentwurf vorgelegt, der ein Rückkehrrecht in Vollzeit vorsah für die Beschäftigten, die vorübergehend ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Doch obwohl das Vorhaben im Koalitionsvertrag stand, scheiterte die SPD-Politikerin am Widerstand des Kanzleramts. Die Grünen werden dieses gesetzlich verankerte Rückkehrrecht nun voraussichtlich in die Gespräche über ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP wieder einbringen. (mit dpa)

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