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Mittwoch, 20.05.2015

Kommentar: Danke, Pegida!

Ulrich Wolf über ein Ende der „Montagsspaziergänge“.

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Aufatmen? Durchatmen? Egal, Hauptsache erst einmal frische Luft. Wenn Pegida von Juni an aufhören wird, allmontäglich durch die Dresdner Innenstadt zu „spazieren“, werden viele erleichtert sein: die etablierten Parteien, Teile der Medien, die Einsatzplanschreiber der sächsischen Polizei, die Dispatcher der Verkehrsbetriebe, Tourismusverantwortliche, Händler und ihre Kunden.

Rund 30-mal haben die Patriotischen Europäer, die das Abendland bedroht sehen, die Massen mobilisiert. Bei Wind und Wetter. Fast immer waren es mehrere Tausend Menschen, in der Spitze sogar 25 000. Welche Partei wäre dazu in der Lage gewesen? Welche Gewerkschaft? Welche Kirche? Wie beschädigt ist das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen, dass es ausgerechnet einem bislang wenig rechtstreuen und zunehmend zur Radikalität neigenden Lutz Bachmann gelungen ist, so viele Bürger so lange auf die Straße und ungleich mehr im Internet hinter sich zu bringen? Wie fragil ist eine Stadtgesellschaft, die mit einer simplen Mischung aus Parolen und wohlfeil formulierten Forderungen ins Wanken zu bringen ist?

Während andernorts Pegida kaum ein Fußbreit Boden gelassen wurde, hat sich das Dresdner Bürgertum weitgehend seinem Schicksal ergeben. Alsbald von Gleichgültigkeit erfasst, hat es seine Innenstadt einem Heer von Nörglern überlassen, die nicht bereit sind, sich im bestehenden gesellschaftlichen Konsens zu engagieren, weil sie genau diesen Konsens ablehnen.

Wenn sie nun bald montags nicht mehr laufen, wird Pegida nicht verschwunden sein. Das Gespenst Pegida wird weiter umgehen. In den Köpfen, in den Herzen all jener, die sich infiziert haben. Das war nur möglich, weil unsere Demokratie bedroht ist durch Selbstbedienungsmentalität und Profitgier.

Das ist dann auch das Einzige, für das Pegida zu danken ist: Die Bewegung hat die Zerbrechlichkeit der westdeutsch geprägten Wohlfühl-Kuschel-Demokratie aufgezeigt. Wenn nicht bald ein Ruck geht durch all jene, die – trotz aller Schwächen und der mitunter zermürbenden Kompromisssuche – von der Demokratie überzeugt sind, wird Pegida zurückkehren: womöglich stärker denn je.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 29 Kommentare

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  1. Bernd

    Danke Pegida! Das ist gut so! Nun mache ich mir aber Sorgen um die Gegenseite, gegen wen gehen die nun demonstrieren wenn der Gegner weg ist ? Vielleicht doch wieder gegen Pegida, weil die in völlig unverantwortlicher Weise aufgehört haben "spazieren" zu gehen? Müssen sich nun "Dresden ist bunt", "Remember Khaled" und all die Seifenblasenkünstler neu erfinden bzw. definieren? Der letzte Absatz von Herrn Wolf ist der entscheidende. Den sollten sich auch unsere Selbstbedienungspolitiker genau durchlesen und sich nicht mit einem "geschafft!" selbstgefällig zurücklehnen oder vorschnell einen Sieg der Demokratie feiern!

  2. benno

    Wie kommen Sie darauf, dass die westdeutsche Demokratie eine "Wohlfühl-Kuschel-Demokratie" ist?. Die Entwicklung der Demokratie im Westen war viel stärker von bürgerschaftlichem Engagement geprägt als die Entwicklung der letzten 25 hier. Demokratie heißt vor allem sich einsetzen und mitmachen. Wer von Demokratie ausschließlich Westgeld, Reisefreiheit und ausländerfreie Zonen erwartet hat, ohne selbst konstruktive Beiträge zu bringen, hätte sich besser für den Erhalt der DDR eingesetzt. Nur abkotzen ist zu wenig.

  3. Tom Wolf

    Chapeau, Bernd! Und womit füllen die Schreiberlinge der *****presse ihre papiernen und elektronischen Seiten, noch dazu, wo das Sommerloch vor der Tür steht und Frau Töberichs Probleme mit dem neosozialistischen Stadtrat auch bis zum Erbrechen durchgekaut worden sind? Da hilft ja eigentlich nur eine neue Jahrhundertflut, Gott bewahre. Danke, Pegida, für das Durchhalten. Und die Sommerpause ist sicher keine schlechte Idee, entzieht sie doch der Häme der vereinigten Gutmenschen die Grundlage, wenn die Teilnehmerzahlen wegen der Ferien- und Urlaubszeit automatisch zurückgehen. Auf ein Neues im Herbst!

  4. feelflows

    Der Artikel macht sich wieder einmal keine Mühe, vorurteilsfrei hinter das Phänomen Pegida zu blicken. Denn es handelt sich bei Pegida um nichts anderes als um einen Demokratieaufstand in einem Land, in dem sich zunehmend alle Regierungsparteien und ernstzunehmende Opposition anähneln, in dem nach der Wahl das Gegenteil von dem gemacht wird, was zuvor versprochen wurde, in dem das Asylgesetz durch die Hintertür für außereuropäische Masseneinwanderung missbraucht wird (für die der Wähler nie ein Plebiszit gegeben hat!), usw. Besonders infam empfinden die Spaziergänger die gebetsmühlenartig wiederholten medialen Deutungsmuster "Kritik an der Asylpolitik --> Fremdenfeindlichkeit" oder "Kritik an kultureller Islamisierung Deutschlands --> Rassismus". Im Übrigen verweigern sich die Spaziergänger nicht einem vermeintlichen "gesellschaftlichen Konsens", sondern nur dem, was Politiker und Medien dafür halten (wollen)!

  5. Mighty

    Die Zahl derer denen einen Konsens als etwas verwerfliches erscheint ist eben doch nicht zu unterschätzen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich? Ich halte es da mit Claus von Wagner: Wenn man das Abendland nur verteidigen kann, indem man menschenfeindliches Gedankengut vor sich her trägt - was gibt es denn da eigentlich noch zu verteidigen?

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