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Samstag, 02.04.2011

„Koks ist Schnee von gestern“

Mathieu Carrière über Selbsterfahrung im Dschungel und seinen Roman „Im Innern der Seifenblase“.

Mathieu Carrière, hat nicht nur einen eigentlich richtig guten Namen in der Schauspielzunft, sondern war in seinen besten Zeiten auch so etwas wie der Traum von mindestens der Hälfte der deutschen Frauen. Sein Leinwanddebüt gab er im Alter von 13 Jahren in der Thomas-Mann-Verfilmung „Tonio Kröger“. Seither spielte er in vielen Filmen und TV-Serien. Heute kennen ihn viele Menschen vor allem von seinen Auftritten im „Dschungelcamp“ und bei „Let’s Dance“. Jetzt hat Mathieu Carrière ein Buch geschrieben. „Im Innern der Seifenblase“ ist laut Verlag ein „rasanter Schundroman“, der den Irrwitz heutiger Fernsehproduktionen beschreiben soll – Mathieu Carrière kennt sich gut damit aus. Grund genug also, ihn mal zu treffen.

Herr Carrière, Sie sind den meisten, wenn nicht aus dem „Dschungelcamp“ dann als Schauspieler bekannt. Wie kam es zu Ihrem Romandebüt „Im Innern der Seifenblase“?

Ich schreibe seit 40 Jahren, etwa „Kleist, für eine Literatur des Krieges“ oder den Essayband „Wilde Behauptung“. Meist jedoch schreibe ich Drehbücher und Artikel. Dieser erste Roman im Greisenalter ist für mich so etwas wie der Versuch, die Leute auch mal zum Lachen zu bringen. Das ist in Deutschland viel schwerer als sie zum Weinen zu bringen. Für Letzteres braucht man oft nicht einmal Talent.

Zuletzt waren Sie bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zu sehen. Was bedeutet es heute, ein Star zu sein?

Der Begriff Star ist heute schon fast ein Schimpfwort geworden. Denken Sie an Warhols „fifteen minutes of fame“. Das ist 50 Jahre her. Heute hat sich das reduziert, jeder hat nur fünf Minuten. Leute, die es länger schaffen als fünf Minuten, haben mächtige Sponsoren hinter sich wie Bertelsmann, Google oder Facebook. Mit ihrem Talent machen die Stars selbst jedenfalls weniger Geld als die Leute, die hinter ihnen stehen.

Woher kommt Ihre Sehnsucht nach dem Rampenlicht?

Ich habe, weiß Gott, keine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Ich habe heute nur noch eine einzige Sehnsucht und die ist, zu verschwinden und dann als Spion unsichtbar den anderen Leuten bei ihrem Treiben zuschauen zu können.

Das bedeutet, Ihre Ausflüge als Promi ins „Dschungelcamp“ oder als Schauspieler in die Telenovela „Anna und die Liebe“ sind eine zeitgemäße Form der Selbsterfahrung?

Richtig, ich sehe im Augenblick das Leben als große Spielwiese. Ich habe immer gern gespielt, bin immer gern Risiken eingegangen. Mich treibt die Neugier. Ich sehe mich als einen Anthropologen meiner eigenen Unternehmungen. Außerdem war es wahnsinnig spannend im „Dschungel“ und bei „Anna und die Liebe“.

Steht deswegen auch eine Telenovelaproduktion im Mittelpunkt Ihres Romans „Im Innern der Seifenblase“?

Natürlich ist die Telenovela eine Metapher in diesem Buch, aber nicht nur. Das Buch ist wie eine Zwiebel. Eine Zwiebel ohne Zentrum. Das heißt, man weiß nicht genau, was die bessere Telenovela ist, die Schale des offiziellen Erzählstranges oder die der Telenovela, in der der arme Held agieren muss. Aber es geht auch um noch etwas anderes: Wenn Leute eine Telenovela gucken, dann können Sie ganz genau spüren, ob ein Kuss wirklich ernst gemeint ist oder nicht. Während wir das im Leben meistens nicht unterscheiden können. Die Telenovela hilft den Leuten also tatsächlich emotional zurechtzukommen.

Daran glauben Sie wirklich?

Alles, was ich über das Leben wissen muss, habe ich in einer Telenovela gelernt. Das ist die Grundthese meines Buches und da ist etwas dran. Außerdem ist das die goldene Regel der südamerikanischen Telenovelas. Abgesehen von der noch wichtigeren Regel, dass die Protagonistin immer blond ist (lacht). Aber das hat sich jetzt geändert. In „Gossip Girl“ gibt es auch schon eine dunkelhaarige Akteurin.

Was hat Ihnen bei „Anna und die Liebe“ denn noch gefallen?

Ich habe den Kollegen gerne zugesehen und habe viel von ihnen gelernt. Ich bewundere diese jungen Leute, die von null auf hundert, wie im Hochleistungssport, durchs Studio gejagt werden. Die Leute müssen jeden Tag drehen, stehen von sechs bis null Uhr am Set und kriegen kaum einen zweiten Take. Sie sind in einem Marathonlauf, der aber nicht nur zwei Stunden dauert, sondern manchmal zwei Jahre.

In Ihrem Roman erwacht ein Schauspieler aus dem Koma und wird sogleich für eine Telenovela engagiert. Das Produktionsumfeld erscheint dabei ziemlich absurd, quotengeil und korrupt, die Boulevardpresse sorgt rücksichtslos für Skandale. Wie überspitzt sind Ihre Darstellungen?

Im Roman geht es nicht nur um die Telenovela, sondern letztlich darum, was real ist. Man weiß nie genau, wer verrückt ist. Natürlich ist das überspitzt. Aber wie jede Satire hat auch diese einen authentischen Kern. Ich kenne die „Bild“-Zeitungsleute seit 50 Jahren, ich kenne die Produzenten.

Und die koksen alle, wie in Ihrem Roman?

Nicht alle. Bei Leibe nicht alle. Bei mir nur einer! Es gibt heute viel bessere Drogen als Kokain. Koks nehmen ist altmodisch, Schnee von gestern.

„Identität ist eine Illusion, und zwar die der anderen“, stellt Ihr Protagonist Bob Bodenbauer gegen Ende des Romans fest. Wie sehen Sie das für sich persönlich?

Ich weiß oft nicht was oder wer ich bin. Ich wache manchmal morgens wie dieser Bob auf und frage mich, was das eigentlich ist, die Realität.

Ist die Identitäts- oder Realitätsfindung für Schauspieler oder Menschen im Mediengeschäft schwerer?

In meinem Leben versuche ich dieser Verwirrung zu entgehen. Ich bin ein Chamäleon, aber ich glaube, ich kann ganz gut zwischen meinen unterschiedlichen Identitäten unterscheiden. Ich kenne aber auch Leute, die haben lange Zeit einen Arzt gespielt und melden sich dann automatisch, wenn im Flugzeug gefragt wird, ob ein Mediziner an Board sei.

Ihre Identität als Romanautor haben Sie jetzt fixiert. Planen Sie noch mehr in der Richtung?

Ich hoffe, dass Bob Bodenbauer ein richtiger Dauerbrenner wird. Der nächste Roman heißt dann ja vielleicht „BB stalkt sich selbst.“ oder aber „Bob Bodenbauer löst seinen ersten Fall“.

Worum wird es gehen?

Ich mache einen Philosophenkrimi daraus. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Bob Bodenbauer vielleicht im Auftrag einer neuen Organisation arbeitet. Vielleicht hat auch eines der Medikamente, die er von Professor Piano bekommen hat, einen unvorhersehbaren Nebeneffekt. Dann muss er womöglich gegen seinen eigenen Therapeuten vorgehen.

Ideen für die Zukunft sind also reichlich vorhanden?

Ich zitiere aus meinem Buch: „Content is King oder wie wir Frauen zu sagen pflegen: die Konkurrenz schläft schneller. In 36 Monaten werden drei Viertel der Menschheitsbevölkerung ihren Handys hinterher laufen, vor ihren Computern sitzen, vor ihren Fernsehern liegen und sich unseren Stoff reinziehen.“ Im Ernst: Am liebsten würde ich aus der Seifenblase gern eine richtig sich selbst verarschende Telenovela machen.

Filmisch oder literarisch?

Auf einem richtig breiten, satten, populären, deutschen Fernsehsender.

Ein Ruhesitz bei RTL2 sozusagen?

Genau, bei RTL2 zum Beispiel. Aber da möchte ich dann schon gestalterische Kontrolle behalten (lacht).

Gespräch: Maren Schuster und Martin Paul.

Mathieu Carrière: „Im Innern der Seifenblase“, Frankf. Verlagsanstalt, 260 S., 19,90 Euro.