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Samstag, 19.08.2006

Kofferbomben erinnern an London

Terrorismus. Fast hätte es ein Blutbad in zwei Regionalzügen gegeben, fanden Ermittler heraus.

Von Guido Rijkhoek

Es ist ein Szenario, das Angst macht – Angst machen soll: Zeitgleich detonieren zwei Bomben in Regionalzügen nach Dortmund und Koblenz. Die Explosion zweier Gasflaschen setzt kleinere Benzinbomben in Brand. Im Feuerball wird ein ganzer Waggon zu einer Hölle. Menschen werden schwer verletzt, einige getötet.

Es ist offenbar dem technischen Unvermögen der Bombenbastler zu verdanken, dass die beiden Kofferbomben am 31. Juli in zwei Regionalzügen nicht explodierten. Doch die Fahnder zweifeln nicht daran, dass die Täter schwere Zerstörungen und den Tod von Menschen in Kauf nahmen. „Hier werden sofort Erinnerungen an die Anschläge in Madrid im Jahr 2004 und in London im Jahr 2005 wach“, sagt der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke.

Wie in Madrid und London gibt es wieder Hinweise auf Verbindungen in den arabischen Raum. Die Gasflaschen in beiden Koffern waren in Kleidung eingewickelt. Darin fand sich ein Zettel mit arabischen Schriftzeichen und Telefonnummern aus dem Libanon. Sollte der Anschlag die deutsche Haltung im aktuellen Nahostkonflikt beeinflussen? Eine „massive Drohgebärde mit Zerstörungen und potenziellen Menschenopfern“ hält der BKA-Präsident für denkbar. Vieles ist merkwürdig an den Kofferbomben. In einem der Koffer wurden Tüten mit Speisestärke einer libanesischen Marke gefunden. Sie wurden jüngst nur in einer Stückzahl von etwa 200 nach Deutschland importiert und im Raum Essen meist an libanesische Familien verkauft. Auch wurde ein Zettel gefunden, auf dem jemand in Arabisch für den Einkauf Brot, Oliven und libanesischen Jogurt notiert hatte. Die Hinweise auf den Libanon sind so überdeutlich, dass Misstrauen entstehen könnte. Sind die Täter Libanesen? Die Ermittler sind vorsichtig: „Nach bisherigem Ermittlungsstand können wir das nicht definitiv sagen, aber auch nicht völlig ausschließen“, sagt Ziercke.

Immerhin glaubt das BKA nicht an absichtlich gelegte falsche Spuren. „Sicher ist nach unserer Analyse, dass die Täter die Explosionen auslösen wollten“, betont Ziercke. Wäre es aber zu einer Detonation gekommen, wären Kleidung, Zettel und Speisestärke verbrannt.

Im Unterschied zu Madrid und London deutet Einiges darauf hin, dass die Attentäter von Dortmund und Koblenz keinem internationalen Terrornetzwerk angehören. In beiden Hauptstädten wurde Sprengstoff eingesetzt. Gewollt war eine möglichst hohe Zahl von Opfern. In beiden Fällen bekannte sich al-Qaida zu den Taten. In Koblenz und Dortmund dagegen wurden für den Bau der Bombe Komponenten verwendet, wie sie fast an jeder Ecke zu haben sind: ein Wecker, Benzin, eine Gasflasche. Explodieren sollten die Bomben 14.30 Uhr. Da sind die meisten Regionalzüge fast leer. (AP)