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Sonntag, 26.01.2014

Können Lakritze rassistisch sein?

Müssen Produkte und Markennamen politisch korrekt sein? Bestimmte Lakritze von Haribo verschwinden nach Rassismusvorwürfen aus den Regalen. Darf man „Zigeunerschnitzel“ sagen? Sind „Dicke Sauerländer“ ok? Viele fordern eine breite, ernsthafte Debatte.

Von Yuriko Wahl-Immel

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Lakritz in Form von afrikanischen, asiatischen und indianischen Masken und Gesichtern aus der „Haribo Lakritz Parade“.
Lakritz in Form von afrikanischen, asiatischen und indianischen Masken und Gesichtern aus der „Haribo Lakritz Parade“.

© dpa

Düsseldorf. Die Debatte um „Political Correctness“ im Sprachgebrauch erreicht Laden-Regale, Kühlschränke und den eigenen Teller. Müssen Lebensmittel, Markennamen, Produkte politisch korrekt sein? Lakritze des Bonner Süßwarenherstellers Haribo - afrikanische, asiatische und indianische Masken und Gesichter - sind Kunden in Schweden und Dänemark als rassistisch aufgestoßen und dort raus aus dem Markt. Er verstehe die Kritik, zitierten Medien jüngst Haribo-Schweden-Chef Ola Dagliden.

Für Markenexperte Frank Dopheide ist die Sache klar: „Ist ein Produkt negativ besetzt, kann das auf die gesamte Marke abstrahlen. Das ist riskant, da muss man zumindest den Stecker ziehen.“ Bei der Wahl des Produktnamens spiele die Political Correctness eine immer größere Rolle, weiß der Geschäftsführer der Deutschen Markenarbeit in Düsseldorf. „Man ist da heute viel sensibler und vorsichtiger.“ Das gelte auch mit Blick auf ethnische Minderheiten. Ein Grund ist Dopheide zufolge: „Auch kleine Gruppen finden heute großes Gehör.“ Den Unternehmen sei klar, dass ein Name oder Produkt keine „negative Schwingungen, Bilder oder Assoziationen“ auslösen dürfe.

Negerkuss löste einst die Debatte aus

Der einstige Negerkuss oder Mohrenkopf - heute Schoko- oder Schaumkuss - genannt, hatte die erste größere Debatte um diskriminierende Begriffe bei Lebensmitteln ausgelöst. Auch das Zigeunerschnitzel liegt so manchem als politisch unkorrekt schwer im Magen. Ein Verein von Sinti und Roma in Hannover hatte im vergangenen Herbst eine Umbenennung der Zigeunersoße gefordert. Die Hersteller lehnten ab, weil der Begriff Tradition habe und positiv besetzt sei. In Hannovers städtischen Kantinen sind Z-Schnitzel und Z-Soße schon länger runter von den Speisekarten.

„Man handelt rassistisch, wenn man bestimmte Wörter oder visuelle Elemente benutzt“, betont der Berliner Sprachwissenschaftler Professor Anatol Stefanowitsch. Haribo sei „im besten Fall gedankenlos und unsensibel“ mit seinen Lakritzen, die einen „kolonialen Kontext“ herstellten. Suggeriert werde, dass der weiße Seemann - abgebildet auf der Tüte - Masken aus den Kolonien mitbringe. Eine kurze Debatte über solche Einzelfälle reiche nicht.

Es müsse über die Anliegen von Minderheiten, Rassismus und rassistische Wortwahl diskutiert werden, fordert Stefanowitsch. Aber: „Es gibt eine massive Ablehnung in Gesellschaft und Medien, eine solche differenzierte Diskussion zu führen.“ Für nicht akzeptabel hält der Wissenschaftler: „Dass bestimmte Kolumnisten reflexartig mit Lustigmachen und Ablehnung reagieren, wenn das Thema mal wieder hochkocht und es so darstellen, als ob es sich bloß um die Verrücktheit von Gutmenschen handele, die übertreiben.“ Wer spöttisch die Abschaffung von Begriffen wie Jägerschnitzel oder Holzfällersteak verlange, trivialisiere das Problem.

Auch Dopheide meint, beim „Schwedenhappen“ (Hering), den „Dicken Deutschländern“, den „Dicken Sauerländern“ (Würstchen) oder dem „Russisch-Brot“ (Keksen) solle man die Kirche im Dorf lassen. Ebenso entspannt sieht er Namen wie „Hanseatenröllchen“ oder „Kleine Wiener“. Hier handele es sich nicht um diskriminierte Gruppen.

Sind es punktuelle Einzelfälle?

Bei der am Sonntag gestarteten weltgrößten Süßwarenmesse ISM in Köln kommt das Thema nicht auf den Tisch. Auch der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga hat dazu aus der Branche keine Nachfragen. „Die Debatte über einige wenige Produkttitel im Handel oder in der Gastronomie scheinen eher punktuelle Einzelfälle zu sein“, sagt Sprecher Christopher Lück. Politische Korrektheit und ein diskriminierungsfreier Umgang müssten selbstverständlich sein.

Rassistische Elemente im Sprachgebrauch gebe es durchaus auch weiterhin, meint Tahir Della, Sprecher der Initiative schwarze Menschen in Deutschland. „Es finden Verletzungen statt. Da ist es unerheblich, ob das gewollt ist oder nicht, es kommt auf die Wirkung an.“ Sprache sei nicht in Stein gemeißelt, entwickle sich und müsse immer wieder hinterfragt werden. Das gelte auch für Produkte und Marken. Dass Haribo auf Empörung reagiere, sei richtig, sagt Della.

„Es ist allerdings sehr mühsam, immer an Einzelfällen zu prüfen, ob das jetzt rassistisch ist oder nicht.“ Beispiel: „In Bayern steht für ein Bier-Cola-Getränk weiter der Name „Neger“ auf der Karte. Das stößt böse auf. Es kostet aber sehr viel Energie, jedes Mal eine Kampagne gegen ein Wort loszutreten und dann oft noch trotzig zu hören, man lasse sich die eigene Sprache sowieso nicht verdrehen.“ Auch Della wünscht sich eine echte Debatte über Rassismus und seine Ursachen. „Daraus würde dann die Erkenntnis folgen, dass einige Begrifflichkeiten und Darstellungsformen in einer fairen, nicht-rassistischen Gesellschaft eben nicht gehen.“ (dpa)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. Karl Eder

    Wie wäre es denn mit der Umbenennung der Strauss-Operette "Der Zigeunerbaron" in "Der Sinti-und Roma-Baron" ? Auf die Debatte der kulturell gebildeten Gutmenschen und Meinungsdiktatoren in diesem Land wäre ich gespannt. In der Wissenschaft gibt es übrigens den Begriff des "negroiden Menschentypen" ,was den Begriff Neger einfach daraus ableitet. Ich kann da überhaupt nichts rassistisches erkennen. Wenn allerdings der Begriff "Nigger" fällt, ist das eindeutig abwertend besetzt und deshalb abzulehnen.

  2. Carsten

    PC treibt unfassbare Blüten. Wo sind wir hier eigentlich? In dieser Gutmenschen-Welt ist man besser tot als lebendig. Glücklich dürfen sich jene schätzen, die vor 1989 gestorben sind. Frage mich, wer uns aus dieser Erdenhölle erlösen soll - Zufall hilf...!

  3. kebo

    So ein Irrsinn...

  4. Meier

    Diese Diskussion ist einfach nur lächelich. Linke antifaschistische Propaganda und die SZ stimmt mit ein. Da sieht man mal, dass auch hier noch viele aus der Zeit arbeiten, als die SZ noch ein Organ der SED war.

  5. Müller

    Mit "Links" und "antifaschistisch" hat das nichts zu tun. Das ist eher die Beschäftigung von Menschen, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben. Man kann sich doch mit den Wurzeln von Begriffen und Bildern beschäftigen, ohne diese immer gleich auf den Index zu stellen. Warum ist eigentlich der Bgriff "Neger" angeblich negativ besetzt? Oder Begriffe wie "Jude", "Zigeuner", "Behinderter", ...? Negativ besetzen ihn gerade die, die der Meinung sind, man "dürfe das nicht sagen". Die meisten anderen Menschen beutzen diese Begriffe absolut neutral. Was soll daran schlecht sein? Diese Indizierung ist nur Futter für Rechtsradikale, die jeden dieser Begriffe dann sofort für sich und ihre Zwecke in Beschlag nehmen. So wie die KFZ-Kennzeichen-Kürzel "HH", "SS", "SA", "88" etc. Warumliefert man denen solches Futter, statt die Begriffe einfach neutral weiterzuverwenden?

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