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Samstag, 16.12.2017

Königstein in französischer Hand

Einmalige Filme zeigen, wie im Zweiten Weltkrieg auf der Festung französische Generäle gefangen gehalten wurden.

Von Peter Ufer

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Die DVD „Sächsische Filmschätze – Pirna und die SächsischeSchweiz“ hat eine Spieldauer von einer Stunde.
Die DVD „Sächsische Filmschätze – Pirna und die SächsischeSchweiz“ hat eine Spieldauer von einer Stunde.

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  • Die DVD „Sächsische Filmschätze – Pirna und die SächsischeSchweiz“ hat eine Spieldauer von einer Stunde.
    Die DVD „Sächsische Filmschätze – Pirna und die SächsischeSchweiz“ hat eine Spieldauer von einer Stunde.
  • Ankunft der kriegsgefangenen französischen Offiziere und Generäle im Mai 1940 auf dem Bahnhof in Königstein. Foto: Fotosammlung Festung Königstein gGmbH
    Ankunft der kriegsgefangenen französischen Offiziere und Generäle im Mai 1940 auf dem Bahnhof in Königstein. Foto: Fotosammlung Festung Königstein gGmbH

Königstein. Auf der Festung Königstein weht die Trikolore. Kurz nach Kriegsende, im Mai 1945, ist der Sandsteinfelsen in französischer Hand. Seit Juli 1939 befindet sich hier ein Kriegsgefangenenlager, zuerst für Polen, im Mai 1940 kamen französische Generäle hinzu, die bei Le Catelet in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Königstein wird ab 7. Juni Generalslager. Mindestens 80 französische Generäle und Offiziere samt Burschen sind hier interniert. Bis 1945 kamen Briten, Holländer und Amerikaner hinzu. Am Ende des Krieges übernehmen für wenige Tage die Franzosen das Kommando, bis sie am 11. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten abgeholt werden. Den Beweis liefert ein Film, der jetzt auf der DVD „Sächsische Filmschätze – Pirna und die Sächsische Schweiz“ zu sehen ist. Der Dresdner Filmemacher Ernst Hirsch fand den Streifen vor ein paar Jahren in seinem Archiv. Das Dokument zeigt in bewegten Bildern das Leben der Franzosen auf der Burg. Der Verwalter der Wehrmacht, Walter Lengner, filmte mit seiner Leica-Kamera – in Farbe. Der 16-Millimeter-Film lässt nacherleben, wie die Generäle ihren Alltag gestalteten. Zu sehen ist ein Fliegerbeobachtungsturm auf der Festung, die Standort der Luftwaffe war. Damals standen noch die katholische Kapelle und ein Denkmal Friedrich August III.

In dem Streifen sind Tagesausflüge zu sehen, die den Generälen einmal pro Monat erlaubt sind. Sie fahren mit den Skiern übers Land, sie besuchen Dresden, sitzen in einer Straßenbahn zur Stadtrundfahrt. Der Verwalter und Zahlmeister Lengner führt zudem ein Tagebuch. Er beschreibt, wie er den Generälen ihr Kriegsgefangenengeld auszahlt, dass sie wöchentlich zwei Briefe und eine Karte schreiben dürfen, dass sie Pakete erhalten und ins Kino nach Königstein gehen.

Dieser Filmschatz gehört zu jenen über 40 Streifen, die das Leben in Pirna und der Sächsischen Schweiz dokumentieren. Gemeinsam mit dem Pirnaer Filmclub und Amateurfilmern aus dem Landkreis und Dresden entstand diese einmalige DVD. Ernst Hirsch lieferte neben dem Königsteinfilm noch weitere Archivaufnahmen. Dazu gehört beispielsweise ein Streifen aus dem Liebethaler Grund. In dieses Tal, so heißt es, habe es Richard Wagner während seines Arbeitsurlaubes 1846 in Graupa immer wieder gezogen. In dem Film taucht unvermittelt ein mystisches Monument auf. Ein wuchtiger, wie aus der dahinter liegenden Felswand herausgerückter Sandsteinsockel, auf dem sich eine Bronzefigur erhebt: Wagner als Gralsritter, zu seinen Füßen fünf allegorische Figuren. Das Ganze ist mehr als zwölf Meter hoch: das größte Wagner-Denkmal der Welt. Zum 50. Todestag des Komponisten im Jahre 1933 wird die Einweihung des Denkmals propagandistisch zelebriert und auf Zelluloid gebannt. Entworfen hatte das Denkmal der Dresdner Maler und Bildhauer Richard Guhr bereits 1911/12, der ebenfalls zu sehen ist. Eigentlich sollte das Denkmal 20 Jahre früher im Dresdner Großen Garten aufgestellt werden. Aber der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise verhinderten das. 1942 konnte Richard Guhr übrigens gerade noch verhindern, dass das Denkmal zu Kriegszwecken auf Wunsch des damaligen Reichsministers eingeschmolzen wurde. Zur Einweihung 1933 singt die Dresdner Liedertafel unter Leitung des Hofkapellmeisters Karl Maria Pembaur. Unter den vielen Gästen weilt auch der Enkel des Komponisten Wieland Wagner.

Mit diesen Filmen entstand eine über 50-jährige Zeitreise durch die Geschichte von Pirna und Umgebung. Sie reicht von den 1920er-Jahren bis in die 1960er-Jahre, in denen volkseigene Betriebe wie die Kunstseide ihren Aufschwung erleben, Geschäfte mit vollen Regalen gefilmt werden, der Bau des Neubauviertels auf dem Sonnenstein als Errungenschaft gefeiert wird.